KRITIK

The Cut

Bild (c) Pandora Filmverleih.

Bild (c) Pandora Filmverleih.

Der Genozid der Türken an den Armeniern im Osmanischen Reich (1915) wird in weiten Teilen der heutigen Türkei nach Kräften verdrängt, wenn nicht geleugnet. Als der Deutsch-Türke Fatih Akin seinen neuen Film „The Cut“ ankündigte, erhielt er sogar Morddrohungen rechtsradikaler türkischer Nationalisten. Wer Tabuthemen anpackt, steht unter Fanatikern schnell am Pranger.

Nun gilt Akin spätestens seit seinem herausragenden Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ als großer Melodramatiker des deutschen Films, doch ob seine opulente Herangehensweise die richtige ist, um der brisanten Thematik Herr zu werden – daran muss gezweifelt werden. Akin erzählt vom Völkermord mit Hilfe einer zentralen Perspektivfigur: Der armenische Schmied Nazaret (Tahar Rahim aus „Le Passé“) lebt in der Kleinstadt Mardin. Als die Armenier nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs plötzlich als Feinde gelten, wird er von seiner Familie getrennt: Nazaret muss Zwangsarbeit leisten, Frau und Töchter werden in ein Todeslager deportiert. Die eigene Exekution überlebt er knapp, mit durchtrennten Stimmbändern. Erst Jahre später erfährt der Stumme dann, dass die Töchter entkommen konnten: nach Amerika.

szene_the_cutDer Genozid, das irritiert schon bald, kommt in „The Cut“ über Staffage kaum hinaus. Frondienste, Morde, Vergewaltigungen werden zwar mit allen Bild- und Ton-Werkzeugen der Emotionalisierungskunst ins Bild gesetzt, doch es geht nicht um die grausamen Taten an sich, sondern um die Gefühle, die sie im Protagonisten hervorrufen. „The Cut“ verwendet lieber viel Zeit darauf, Nazarets Reise über Aleppo und Kuba bis in die USA nachzuvollziehen, als großen, oft pathetischen Bilderroman, der episodenweise die Ästhe­tiken von Bibelfilm, David-Lean-Epos und klassischem amerikanischen Western abhakt. Den Genozid hat man zum Schluss fast vergessen.

Der Regisseur Fatih Akin sagt, er habe beim Drehen stets die Armenier und die Türken als Zielgruppen im Blick gehabt. Sein Film, lässt sich heraushören, diene auch pädagogischen Zwecken. Historisch bleibt er betont ausgewogen, um keine Seite zu verprellen. Doch gut gemeintes ist selten herausragendes Kino. „The Cut“ mag als süffig bebildertes Reiseabenteuer durchgehen, am brisanten Thema aber läuft er vorbei.

 



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