KRITIK

The Counselor

Plakat_Counselor_webFiebrige Spannung, schwüle Dialoge und die brütenden Temperaturen nahe der mexikanischen Grenze. Diese Zutaten sollen Ridley Scotts defätistischen Thriller aufheizen. Dennoch fühlt sich die destillierte Handlung mit den Worten des delinquenten Playboys Reiner (Javier Bardem) „ein wenig kühl“ an. Nicht kaltblütig, dafür fehlt der von Cormac McCarthy verfassten Story die Rationalität, eher lau. Doch „Wahrheit hat keine Temperatur“ verkündet Rainers Gefährtin Malkina (Cameron Diaz), deren harter Geschäftston den Zuschauer in der mitleidlosen Welt der Figuren willkommen heißt.

Tatsächlich ist es nicht eine einheitliche Welt, sondern es sind viele individuelle Welten, in denen die Protagonisten existieren. Der namenlose Anwalt, seine ahnungslose Verlobte Laura (Penelope Cruz), der alte Juwelier (Bruno Ganz), von dem er für sie einen Diamanten kauft, der pragmatische Mittelsmann Westray (Brad Pitt), über den er einen „Ein-Mal-Deal“ um Drogen im Wert von Millionen eingeht, und einer inhaftierten Mutter (Rosie Oerez) und deren Sohn (Richard Cabral), an dem die Zustellung der Ware liegt, haben ihre Daseinswirklichkeit selbst erschaffen. Was ihnen geschieht ist nach dem rigiden Edikt der Handlung ein indirektes Urteil. Angeklagt ist nicht die Intelligenz, sondern die Moral der Typen, deren egozentrisches Äußeres die Funktion der Maske im antiken Theater übernimmt. McCarthy schabloniert sein erstes eigenständiges Drehbuch nach einer griechischen Tragödie. Darin spielen Fassbenders wechselnde Gegenüber den Chor, der das Unheil des Helden verkündet. Paradoxerweise sehen sie ihrem eigenen Verhängnis blind entgegen. Nicht anders der Counselor, dessen koordinierte Realität mit dem Drogendeal wie eine Seifenblase platzt.

(c) Twentieth Century Fox 2013

(c) Twentieth Century Fox 2013

McCarthys Lieblingskonfliktthemen menschliche Verwilderung, Fehlbarkeit und deren alttestamentarische Strafe ergeben eine erbitterte Fabel nach dem oft zitierten Prinzip des homo homini lupus. Der Jagdinstinkt des Pulitzer-Preisträgers zeigt sich dabei ebenso deutlich wie bei der hedonistischen Malkina, deren Name, Erscheinung und Hauskätzchen ihre Raubtiernatur unterstreichen. „Wir alle sind schlecht informiert für den Weg, den wir gewählt haben“ warnt sie den Counselor, „schlecht informiert und schlecht vorbereitet.“ Dies gilt selbst für jene, die ihr Untertauchen lange vorbereitet haben wie der abgehalfterte Westray. Sein Rendezvous mit einer Reisenden führt zu einem weiteren mit einer Würgeschlinge. Einmal in Gang gesetzt, ist ihr von Reiner anschaulich beschriebener Mechanismus unaufhaltbar. „Das Gemetzel, das bevorsteht, liegt wahrscheinlich jenseits unserer Vorstellung“ konstatiert Malkina. Ihre grelle Exzessivität zeigt unverhüllt die Amoralität, die sich bei den andren subtiler andeutet. Malkina exponiert ihre Lust bei einem grotesken Selbstbefriedigungsakt auf einer Windschutzscheibe; der Counselor verlustiert sich mit Laura – unter der Bettdecke versteckt.

Lauras idealisierte Unschuld erscheint mehr als selbstbetrügerisches Augenverschließen vor einer Gesellschaft, die ihre Werte im Unrat findet. „Wir möchten einen Schleier vor all das Blut und den Schrecken, die uns hierher gebracht haben, ziehen“ schnurrt Malkina, die mit ihrer Skrupellosigkeit die Quintessenz der Verdorbenheit ist. Die allgemeine Misanthropie mündet in Misogynie, die Frauen zur Wurzel des Übels und zum Verhängnis der Männer. Jeden von ihnen verleitet eine Frau zu dem Schritt in eine ausweglose Lage. Dem gehetzten Anwalt und seinen Geschäftspartner bleibt nur die bittere Option, mit den Konsequenzen zu leben – oder zu sterben. Letztes scheint die gnädigere Strafe, denkt man an Westrays desillusioniertes Fazit: „Wenn man in den Archive der Erlösten wühlen würde, würde man Geschichten von moralischer Verworfenheit jenseits bloßer Abscheulichkeit entdecken.“ Aber keine Sorge, die Archive der vermeintlich Anständigen werden nicht durchwühlt, nur die der untrüglich verkommener Existenzialisten. Als Fressfeinde der Ethik erscheinen Mexikaner, kriminelle Einwanderer und gottlose Frauen mit unstillbarem Hunger nach Luxus, Sex und Macht. Hinter der zielgerichteten Inszenierung und tadellosen Ausführung ist „The Counselor“ eine apodiktische Gesellschaftsdichtung, noch rabiater als das Jäger- und Beuteschema, das sie in der modernen Zivilisation fortbestehen sieht. Am inhaltlichen Lehrwert bleiben Westrays ethische Zweifel: „Ich bin ziemlich skeptisch gegenüber der Güte der Guten.“

  

 



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