KRITIK

The Amazing Spider-Man

Plakat zum Film The Amazing Spider-ManEs war 1962, als ein schüchterner jugendlicher Bücherwurm in der Ausgabe 15 von „Amazing Fantasy“ seinen ersten Auftritt in einem Comic feierte. Peter Parker, Idealtypus des freundlichen Jungen von nebenan, sollte durch den Biss einer genmanipulierten (damals radioaktiven) Spinne zum allseits beliebten Wandkrabler „Spider-Man“ werden. Heute gehört dieser Marvel-Charakter weltweit zu den beliebtesten Superhelden überhaupt.

Der Sprung auf die Kinoleinwand war eine Frage der Zeit und des technisch Machbaren. Zwei Filmadaptionen aus den 80ern und 90ern hatten jedoch kaum das Potenzial, die Massen in die Lichtspielhäuser zu locken; anders die Trilogie von Regisseur Sam Raimi mit Hauptdarsteller Tobey Maguire. Zwischen 2002-2007 lockten diese Filme Millionen von Zuschauern in die Kinos und ließen die Kassen der Sony-Studios klingeln, welche die Filmrechte vom Verlagshaus Marvel erworben hatten. Zu einem vierten Teil kam es wegen interner Zerwürfnisse aber nicht. Fünf Jahre nach dem letzten Raimi-Spider-Man, folgt nun das Reboot der Netzkopf-Saga.

Szene The Amazing Spider-ManAn der Geschichte hat sich wenig verändert. Peter (Andrew Garfield) ist ein etwas anderer Typ Jugendlicher: ein Einzelgänger, stets von einer Portion Traurigkeit umweht, mit sichtlichen Anpassungsschwierigkeiten. Das Herz hat er aber am rechten Fleck. Peter wächst nach dem Unfalltod seiner Eltern bei seinem Onkel Ben (Martin Sheen) und seiner Frau May (Sally Field) auf. Ein Prolog offenbart zuvor einiges über seine Eltern. Sein Vater war ein hochbegabter Genetiker mit vielen Geheimnissen. Dessen Forschungen werden es nun auch sein, die indirekt dazu führen, dass aus Peter später Spider-Man wird. Entscheidend wird aber die Begegnung zwischen Peter und Doktor Curt Connors (Rhys Ifans) sein, der auf dem Gebiet der Übertragung von genetischen Eigenschaften von einer Art zur anderen forscht. Der einarmige Wissenschaftler hofft, eines Tages regenerative Fähigkeiten von Tieren auf den Menschen übertragen zu können und Handicaps, wie seines, für immer auszumerzen. Bei einem hochriskanten Selbstversuch erschafft er stattdessen eine gewaltige humanoide Echse, die zum Inbegriff des Terrors wird.

Dieser „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Erzählstrang ist streng genommen noch das Interessanteste am ganzen Reboot, bekommt insgesamt jedoch zu wenig Raum, was dazu führt, dass Charakterdarsteller Rhys Ifans ebenfalls wenig Erinnerungswerte produzieren kann. Dafür konzentriert sich die Handlung auf eine teenagertypische Lovestory, die aber zu unterkühlt bleibt, da der Funke zwischen Garfield und Emma Stone, die Peters Herzensdame Gwen Stacy spielt, selten überspringen will. Offensichtlich war aber genau damit beabsichtigt, die sehnsüchtig auf den letzten Film wartende Twilight-Vampirschmonzetten-Community abzugreifen.

Die Zeit, die dafür geopfert wurde, fehlt in der Endabrechnung, beispielsweise für bessere Charakterzeichnungen. Die beiden Altstars, Martin Sheen und Sally Field, bleiben erstaunlich blass und versprühen als moralische Instanzen, verglichen mit den Raimi-Filmen, eher Wellness-Charakter. „The Amazing Spider-Man“ erscheint damit nicht nur weniger gehaltvoll, sondern substanziell irritierend ausgedünnt. Atmosphärisch und visuell rückt das Ganze dafür näher an Christopher Nolans „Batman“-Interpretation. Der Versuch den Film künstlich auf bedeutungsschwanger und düster aufzublasen, wirkt bei Marc Webb aber eher unfreiwillig komisch. Und das einhergehende echte Defizit an Humor lässt die Zeit im Kinosessel länger und länger werden.

Rein handwerklich ist der Film keineswegs misslungen. Ihn als 3D-Film anzukündigen, entbehrt aber streckenweise jeglicher Rechtfertigung. Das CGI hat sich indes weiterentwickelt, was den Computer-Netzschwinger realer wirken lässt als jemals zuvor. Die fliegenden Spider-Man-Sequenzen sind insgesamt aber zu wenig, als dass das Geschehen ernstlich zupacken könnte. Juvenile Turteleien anstelle fetziger Spidey-Action kann nicht die Lösung sein. Ohnehin braucht die Story zu lange, bis sie an Fahrt gewinnt. Vermisst werden die erzählerische Leichtigkeit der Raimi-Filme, der ehemals süffisant-ironische Ton und das Tempo der alten Filme. Die Neuauflage erweckt den Eindruck, als sei sie Opfer einer Magerkur geworden.

Szene The Amazing Spider-ManDie Idee in „The Amazing Spider-Man“ die Uhren wieder auf Null zu stellen und die Handlung auf die Zeit Peters an der Highschool zu zentrieren, verweist darauf, auf welches Publikum die Macher zielen. Beim Kassensturz wird die Rechnung vermutlich aufgehen, schließlich ist die Fortsetzung bereits für 2014 angekündigt. Diesem Zielgruppentheater, das sich wie ein Mix aus dem kleinen Cousin von „The Dark Knight“ und einem „Twilight“-Derivat anfühlt, mangelt es aber an Vielem. Das Fehlen emotionaler Intensität, wie der tiefen Verbindung zwischen Peter und seiner Tante May oder essentiellen Story-Elemente, wie des Daily Bugle samt seines cholerisch-kultigen Chef-Redakteurs hinterlassen ein Vakuum, dessen Lücken anscheinend niemand schließen wollte. Weniger mag manchmal mehr sein. In diesem Falle trifft diese Formel jedoch nicht zu.

  

Kritikerspiegel The Amazing Spider-Man



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Dimitrios Athanassiou
moviemaze.de
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Bernhard Trecksel
Die Wochenschau
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 



 



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Eure Kritiken zu The Amazing Spider-Man

  1. arnonymi2012

    „Ich gehöre nicht zu denen, die verschiedene Interpretationen eines Stoffs miteinander vergleichen und freue mich über neue Ansätze und Versionen. Ich erwartete keinen Nolan und mir war auch klar, dass ich mich von der sehr nah an der Amazing Spiderman Reihe angelegten Variante von Sam Raimi verabschieden muss. Dennoch komme ich handwerklich sehr enttäuscht aus dem Kino.

    Zunächst einmal hat der Film einige stilistisch sehr gute Einfälle bei den Actionsequenzen, die mal sehr gut funktionieren und mal eher in die Hose gehen. Zu letzterem gehört z.B. die letzte Einstellung vor dem Abspann, zu ersterem die Egoperspektive, die Kopfhörerszene (sehr witzig), die realistischere Darstellung der Stadt.

    Leider sind diese kleinen genialen stilistischen Momente nur punktuell und meist in den Actionsequenzen vorhanden. Im Großteil, der Zwischenhandlung, die fast den ganzen Film ausmacht, ist der Film sehr flach und plump. Raimis Version war auch intellektuell nicht besonders fordernd, aber zumindest in den ersten beiden Teilen der Trilogie nicht plump d.h. rund komponiert. Versaut wurde bei diesem Reboot zunächst die neue Variation der Origin-Story. Ich rede dabei nicht von der neuen Idee dahinter, sondern die plumpe Umsetzung. Der Film nimmt dabei Raimi`s Ideen auf und versucht sie zu variieren. Ich nenne da z.B. den von Peters Nichthandeln mit verschuldetem Tod von Onkel Ben, der bei Raimi wesentlich besser und aus einem Guss funktioniert. Auf der Metaebene passiert dasselbe. Nur eben anstatt eines Diebstahls im Wrestlingbüro ein Überfall in einem kleinen Geschäft. Selbst die Dialogstruktur (Peter Wrestling-Heini/Peter Ladenbesitzer)wird einfach von Teil 1 der Trilogie mit anderem Wortlaut übernommen. Noch einfallsloser geht es nicht. Und der Film bietet einige Szenen, bei denen ich mir wegen der Vorhersagbarkeit oder einiger dummer Dialoge an den Kopf fassen musste.

    Mit der Besetzung bin ich nur teilweise glücklich. Der geschätzte Martin Sheen (The Westwing, Apocalypse now) ist sicherlich ein brauchbarer Onkel Ben, stinkt aber etwas gegen die Raimi-Version ab. Peters Tante ist eine völlige hysterische Fehlbesetzung, die bei Raimi hingegen der Comicvorlage perfekt entspricht. Emma Stone, welche dieses Mal Peters erste Große Liebe Gwen verkörpert, welche ja in den Comics stirbt und später von MJ ersetzt wird, macht einen ordentlichen Job und ist neben der Echse die beste Besetzung. Mit dem neuen Peter kann ich überhaupt nichs anfangen. Hier muss ich aber zugestehen, dass damit wohl versucht wird, den Geschmack der heute 16 Jährigen zu treffen. Peter fährt Skateboard, sieht auch so aus und ist ein typischer Schüler. Der intellektuelle Touch des Originals fehlt hier völlig, obwohl Peter schon Genialität besitzt.

    Der Film ist insgesamt realistischer. Peter hat jetzt kleine Aparaturen an den Händen, welche die Spinnendrüsenfunktion wieder übernehmen. Was aber dramaturgisch nichts neues hinzufügt, jedoch auch nicht schadet. Auch die Darstellung der Stadt ist realistischer, die Effekte jedoch ein wenig unspektakulärer. Dafür wird mehr auf Kameraperspektivwechsel und Spielereien wie Ego-Perspektiven Wert gelegt. Der Zuschauer sucht so eher nach Spiderman als dass er, wie bei Raimi, mitfliegt. Die technisch interessanten Neuerungen können aber nicht über die plumpe Umsetzung hinwegtäuschen. Der Film ist nicht schlecht, aber auch nicht so rund komponiert wie sein ebenfalls flacher, aber wenigstens nicht plumper Vorgänger Spider man 1.
    Der realistische Ansatz hatte viel Potential und wurde unterbrochen von einigen genialen Momenten, leider plump umgesetzt. Ich werde mir die Fortsetzung nicht antun. „

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