KRITIK

Taxi Teheran

Bild (c) Weltkino Filmverleih.

Bild (c) Weltkino Filmverleih.

Im Dezember 2010 wurde der iranische Filmregisseur Jafar Panahi („Der Kreis“) mit einem zwanzigjährigen Berufsverbot belegt und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Es war die kompromisslose Reaktion des Mullah-Regimes auf Panahis international geäußerte Kritik am damaligen Präsidenten Ahmadinedschad. Die Gefängnisstrafe immerhin wurde nicht vollstreckt, hat als Drohung aber weiter Bestand. Trotz des Verbots hat Panahi seither auf klandestinem Wege drei Filme gedreht, deren jüngster auf der diesjährigen Berlinale völlig zurecht den Goldenen Bären erhielt.

Ein politisches Zeichen der Festivalverantwortlichen? Sicherlich auch, aber längst nicht nur. Denn „Taxi Teheran“ ist ein Meisterstück der minimalistischen Verdichtung, gekonnt zwischen Improvisation und Inszenierung angesiedelt. Panahi selbst spielt darin die Hauptrolle: Als Taxifahrer kurvt er durch die iranische Hauptstadt, Leute steigen zu und wieder aus, und die am Armaturenbrett festgeschraubte Kamera schwenkt zwischen ihnen und Panahi hin und her. Das Auto wird dabei nie verlassen.

Slapstickszenen wechseln sich ab mit intensiven Debatten über Todesstrafe und Zensur. Ein skurriler DVD-Händler erkennt Panahi und möchte sich mit ihm anfreunden, Panahis (tatsächliche) Nichte berichtet von den strikten Vorgaben ihrer Lehrerin zu einem filmischen Hausaufgabenprojekt: Ein „zeigbarer“ Film solle auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichten und ein positives Bild der Gesellschaft vermitteln!

Szene_Taxi_Teh_ZweiDamenundeinGoldfischNicht nur in dieser Szene spiegelt sich Panahis Situation als Regisseur – auch der Auftritt der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh führt vor Augen, was es heißt, sich in einem repressiven Klima eigene Ansichten zu erlauben. Trotz des politisch heiklen Themas ist „Taxi Teheran“ ein überraschend heiterer Film geworden. Panahi strahlt als Fahrer bis zur Schlusseinstellung (einer großartigen Plansequenz) eine gelassene Souveränität aus, wirkt wie ein Fels in der Brandung. Die Stadt Teheran leuchtet dabei bunt durch die Fensterscheiben hinein.

In die Sicht der Armaturenbrettkamera mischen sich bald andere Blickrichtungen – durch die Smartphones und Videokameras der Fahrgäste. So herrscht im „Taxi Teheran“ irgendwann jene Vielschichtigkeit der Perspektiven, die im Iran offiziell noch immer sanktioniert wird. Herausragend. Meisterhaft.

 

 

 



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