KRITIK

Taste the Waste

Filmplakat Taste the WasteDie dokumentarische Reise beginnt in einem Supermarkt in Paris. Ein Filialleiter räumt Milchprodukte aus einem Kühlregal. Das Haltbarkeitsdatum der Yoghurt-, Sahne- und Crème Fraiche-Becher wird in sechs Tagen abgelaufen sein. Aber der Kunde will nur die frische Ware. Er greift nicht mehr nach älteren Produkten. Das heißt, die älteren Produkte werden entsorgt. Auch wenn sie noch haltbar sind. Schnitt. Und in anderen Ländern? Ein ähnliches Bild. In einem Supermarkt in Japan werden die (noch vor wenigen Stunden frisch zubereiteten) Sushi-Arrangements aus einer Platikverpackung genommen. Der zuständige Mitarbeiter lächelt gequält. Auf die Frage des Filmemachers, ob er die Sachen noch essen würde, antwortet er: „Ich liebe meinen Job. Aber würden sie das hier essen, wenn sie die ganze Zeit hier sitzen würden?“ Die Kamera zoomt in die Totale. Ein riesiger Container mit entsorgten Lebensmitteln wird sichtbar. Wenig später wird der Mann noch sagen: „In Europa dürfen das nicht einmal die Schweine essen. Ja, uns geht es vielleicht zu gut.

Szene aus dem Film Taste the Waste„Uns geht es vielleicht zu gut.“ Dieser Satz bleibt hängen. Auch die Aussagen einer Mitarbeiterin in einem französischen Großmarkt, die sich über die westliche Wegwerf-Gesellschaft beschwert, und darauf aufmerksam macht, dass sich die Menschen in ihrem Heimatland Kamerun nicht einmal mehr die Bananen leisten können, die bei ihr im Müll landen, bleiben hängen. Überhaupt bleibt vieles hängen. Die per Texttafeln eingeblendeten Infos zum Beispiel, dass die Bevölkerung, die an Hunger leidet, drei Mal satt werden könnte durch die frischen Abfälle, die in Amerika und in Europa im Müll landen. Das schmerzt. Das tut weh. Ein Umdenken müsste stattfinden. Doch wie lange hält dieses Unbehagen an? Bis zum nächsten Liter Milch, der im Kühlregal nicht das jüngste sondern das späteste Ablaufdatum trägt? Bis zum halbleeren Teller, der vielleicht in den nächsten Tagen nicht mehr im Müll landet?

Der Wert von Lebensmitteln ist gesunken. Nicht auf den Märkten. Sondern in den Köpfen der Menschen. Szene aus dem Film taste the wasteUnd Taste the Waste wirbt für eine Wertsteigerung. Das ist lobenswert. Und wichtig. Nur die Herangehensweise, das schlüssige Konzept fehlt. Vieles lässt Valentin Thurn offen. Anders als in den (wesentlich besseren) Dokumentationen „We feed the World“ oder „Unser täglich Brot“ reiht der Filmemacher Statements, Bilder und Fakten aneinander. Bilder, die schockieren, aufwühlen aber nicht als Inspirationsquelle oder gar Ansporn dienen. Wenn eine Doku dies nicht anbieten kann, werden die Fragen nach wenigen Tagen verhallen.

Wo sind die Initiativen, die über ihre positiven und negativen Erfahrungen berichten? Wo sind die Aufrufe der Landwirte, die sich der EU-Kartoffel und der EU-Gurke unterwerfen müssen? Wo sind die Konzepte wie beispielsweise die Konservierung oder Tiefenkühlung, die einen kleinen Teil der Probleme lösen könnten? – Fehlanzeige. Spätestens wenn frischer Fisch mit Meeresrauschen auf der Tonspur entsorgt wird, oder eine Biobäuerin aus New York sich über unwissende Schulkinder echauffiert, wird man nach der Fernbedienung suchen. Ach Mist, wir sitzen ja im Kino! Dort hat diese Kollage ebensowenig zu suchen wie frische Lebensmittel in der Mülltonne.

 



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INHALT

Deutsche Haushalte werfen jährlich Lebensmittel für 20 Milliarden Euro weg - so viel wie der Jahresumsatz von Aldi in Deutschland. Das Essen das wir in Europa wegwerfen, würde zwei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren. Valentin Thurn hat den Umgang mit Lebensmitteln international recherchiert und kommt zu haarsträubenden Ergebnissen. Jeder zweite Kopfsalat wird aussortiert, jedes fünfte Brot muss ungekauft entsorgt werden. Kartoffeln, die der offiziellen Norm nicht entsprechen, bleiben auf dem Feld liegen und kleine Schönheitsfehler entscheiden über ein Schicksal als Ladenhüter. In den Abfall-Containern der Supermärkte findet man überwältigende Mengen einwandfreier Nahrungsmittel, original verpackt, mit gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. Auf der Suche nach den Ursachen und Verantwortlichen deckt er ein weltweites System auf, an dem sich alle beteiligen. Die Folgen reichen weit, denn die Auswirkungen auf das Weltklima sind verheerend. Die Landwirtschaft verschlingt riesige Mengen an Energie, Wasser, Dünger und Pestiziden, Regenwald wird für Weideflächen gerodet. Mehr als ein Drittel der Treibhausgase entsteht durch die Landwirtschaft. Nicht unbedeutend sind auch die Berge verrottender organischer Stoffe, denn das entstehende Methangas wirkt sich auf die Erderwärmung 25 Mal so stark aus wie Kohlendioxid. TASTE THE WASTE zeigt dass ein weltweites Umdenken stattfindet und dass es Menschen gibt, die mit Ideenreichtum und Engagement diesem Irrsinn entgegen treten.
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