KRITIK

Tanguy – Der Nesthocker

Tanguy - Der Nesthocker Früher, da wollten die langhaarigen Wohlstands-Revoluzzer der elterlichen Spießbürger-Behausung möglichst noch vor der Volljährigkeit entfliehen. Endlich die Musik bis zum Anschlag aufdrehen, freie Liebe leben, dass die Wände wackeln, und die Marihuana-Schwaden durch die Dachkammer wabern lassen.
Aber heute? Da erschöpft sich das Protest-Potenzial der Jugend in Abwaschverweigerung, drehen Mama und Papa ihren Sprösslingen den Frühstücks-Joint, wird wechselseitige Toleranz zum „Sympathy for the Devil“-Sound zelebriert.
Warum also die Annehmlichkeiten des wohlgeheizten Erzeuger-Heims in den Wind schießen? Die Generation Golf fährt so bequem mit der Vollzeitfürsorge, dass sich kaum einer unter Dreißig traut, die Nabelschnur zu kappen.
Der französische Regisseur Etienne Chatiliez („Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß“), Spezialist für hochneurotische Familienverhältnisse hinter heiterer Durchschnittsfassade, hat die satirischen Qualitäten dieses fortgesetzten Kindchen-Schemas für sich entdeckt.
Wie seine Protagonisten Sabine Azéma und André Dussollier das nervenzerrüttete Elternpaar geben, das peu à peu die Lust am Tabubruch entdeckt, ist ein groteskes Vergnügen. Die bestens harmonierenden Schauspieler, die bereits zusammen für Alain Resnais vor der Kamera standen, stürzen sich mit Verve in die Schlacht, die den Sohn schließlich ins Kinderbettchen zurückkatapultiert. Nicht minder amüsant gebärdet sich hier Eric Berger als Ekelpaket mit Pensions-Anspruch, von Chatiliez so herzhaft karikiert wie einst die Altersflegel in „Tante Danielle“.
Manche Szene hätte man sich gar noch schärfer gewünscht. Wer dabei glaubt, das Szenario des absurd verlängerten Embryonal-Stadiums sei unrealistisch, liegt gründlich daneben. Inspiriert wurde Chatiliez durch den Fall eines 31-jährigen Italieners, der sein Wohnrecht bei der lieben Mama, die sogar die Haustür-Schlösser ausgewechselt hatte, vor Gericht zurück erstritt. Patrick Wildermann



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Tanguy, 28-jähriger Doktorand der Sinologie und ein Ausbund an höflicher Eloquenz, suhlt sich in der Bequemlichkeit des mütterlichen Wäschedienstes, frisst den Kühlschrank leer und platziert seine wechselnden Gespielinnen lächelnd am Frühstückstisch. Nicht verwunderlich also, dass die naturgegebene Elternliebe der Mutter Edith und des Vaters Paul allmählich in Hass umschlägt.
Als sich die Abgabe von Tanguys Doktorarbeit und somit sein Auszug auch noch um ein Jahr verzögert, treibt das Entsetzen sie zu einer innerhäuslichen Guerilla-Taktik der versteckten Bosheiten. Worauf der Filius in dreistem Gleichmut mit chinesischen Spruchweisheiten reagiert.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Tanguy – Der Nesthocker

  1. Lara

    Französische Komödie mit Pfiff..Dass die Franzosen gute Komödien drehen können weiß man nicht zuletzt seit Amelie.

    Hier geht es also um einen Stubenhocker, der zwar eloquent und belesen aber alles andere als attraktiv ist. Warum er immer wieder weibliche Begleitung mit nach Hause bringt, bleibt daher leider unverständlich. Aber es macht Spaß ihm und den genervten Eltern beim Schabernack zuzuschauen, auch wenn mancher Witz doch ziemlich unter die Gürtellinie, zumindest aber unter den Fußnagel geht…

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*