KRITIK

Tangerine L.A.

Plakat_TangerineLADer Geist von Gus Van Sant („Elephant„), Larry Clarke („Kids“), Wim Wenders oder auch von Rainer Werner Faßbender zieht durch die Straßen von L.A., als die junge Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) nach mehreren Tagen Gefängnis auf ihre beste Freundin Alexandra (Mya Taylor) trifft. Die Sonne brennt. Die Farben der Stadt sind grell. Der oft beschriebene Glamour der „Stadt der Engel“ liegt gefühlt meilenweit entfernt. Die Pracht-Boulevards befinden sich in einem ganz anderen Stadtteil. Regisseur und Autor Sean Baker will augenscheinlich vom „anderen L.A.“ erzählen. Abseits der Traumwelten. Und so begleitet er in den folgenden, kurzweiligen 88 Minuten zwei Frauen mit der Kamera (seines iPhones, wie im Abspann nachzulesen ist) durch die Subkultur einer vermeintlichen Traumstadt. Und sofort wird erkennbar, dass es sich bei Sin-Dee und Alexandra um Transsexuelle handelt, die von Transsexuellen verkörpert werden.

Ohne Hemmungen und Vorwarnung, bereits im ersten Dialog teilt Alexandra ihrer Freundin mit, dass ihr Freund und Zuhälter Chester (James Ransone) sie betrogen hat. Noch dazu mit einer „echten“ Frau. Ein Schock für Sin-Dee. Gemeinsam versuchen sie, an diesem Tag vor Weihnachten, also am heiligen Abend, dem Wahrheitsgehalt dieses schrecklichen Gerüchts auf den Grund zu gehen. Und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Chester und dessen neuer Flamme. Mehrere Bekannte, Freier, Taxifahrer, DJs und Künstler säumen ihren Weg. Und so führt Tangerine L.A. den Zuschauer nicht nur in die unterschiedlichsten Subkulturen einer Großstadt sondern zeichnet auch ein ehrliches Bild des heutigen Amerika im postmodernen Zeitalter des Turbo-Kapitalismus, weitab von Hochglanz, „Pretty Woman-Kitsch“ und Co..

Szene_TangerineLATangerine L.A. ist damit im ehrlichsten Sinne ein Road-Movie. Wortwörtlich entstanden an Straßenecken, Donutshops und Asia-Läden, die Alexandra und ihre Freundin Sin-Dee „abklappern“. Zwischendurch wird gequatscht und getratscht, miteinander, mit Weggefährten, mal heftig und handgreiflich, mal freundschaftlich und auch obszön. Dass Regisseur und Autor seine Darsteller/innen liebt und verehrt, zeigt sich nicht nur darin, dass er ihnen freie Hand lies und damit zahlreiche Dialoge improvisiert sind und auch so klingen. Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor jedoch geben ihrem Regisseur diese Liebe zurück, sie wird erwidert, in dem sie ihrem Trip durch L.A. eine saftige, ehrlich und authentische Energie zwischen Verzweiflung und Freundschaft verleihen, die bis zum Ende bewegt und schließlich auch berührt. Ein bewegender Film über die Freundschaft zweier Frauen, die ihr Leben fest in der Hand halten, auch wenn sich ihnen ständig Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg stellen. So pulsierend, wie eine Metropole nur sein kann. Nicht verpassen!

 

 

Kritikerspiegel Tangerine L.A.



Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, filmgazette
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

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