KRITIK

Tangerine

Tangerine Als Fremde kommen sie, und fremd geblieben reisen sie wieder ab. Tom (Alexander Scheer) und Pia (Nora von Waldstätten) sind typische, in cooler Pose erstarrte Berlin-Mitte-Menschen, die als bessere Touristen nach Tanger kommen, Abgesandte einer überdrüssigen Musikszene, die in Marokko nebst Entourage „die Wurzeln des Rockn Roll“ suchen.

Von Beginn an sehen sie in Tanger bloß eine Kulisse, vor der sie die eigene Sinnkrise aufzuhellen hoffen. Das ändert sich auch nicht, als Tom unter den Augen seiner On-Off-Geliebten Pia eine Affäre mit Amira (Sabrina Quazani) beginnt. Die junge Frau, die in einer WG von Gelegenheitsprostituierten lebt, hat existenziellere Sorgen als das deutsche Pärchen und hofft, dem brutalen Machismo ihrer Heimat durch die Liebschaft zu entkommen – wofür Tom freilich keinen Blick hat.
Es zählt allerdings zu den großen Vorzügen dieses subtilen Dramas der Regisseurin Irene von Alberti, dass die verschiedenen Welten dabei nicht moralisierend gegeneinander ausgespielt werden. Es konkurrieren keine edlen mit verwerflichen Lebensentwürfen, sondern es kollidieren unterschiedliche Ausbeutungsversuche miteinander.

Die westlichen Künstler-Bohemiens wollen sie auf dem Bazar der vermeintlichen Authentizität bedienen, Amira hingegen denkt noch materieller und begreift wie ihre Freundinnen, Gefühle als Mittel zum Zweck. Bloß funktioniert der Warentausch nicht, weil beide Seiten sich fundamental missverstehen, was besonders Nora von Waldstätten als im Lebensloop gefangene Pia subtil zu verkörpern versteht.

„Tangerine“ ist ein kluger, am Ende auch sarkastischer Trip in eine Welt, in der die Mythen aus 1001 Nacht nur noch als Hohn existieren.



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INHALT

Das Berliner Musiker-Pärchen Pia und Tom besucht die Hafenstadt Tanger, um sich von einheimischen Klängen inspirieren zu lassen. Sie begegnen Amira, die von ihrer Familie verstoßen wurde, weil sie sich gegen die Zwangsheirat wehrte. Um Toms Treue zu testen, lässt es Pia zu, dass Amira ihn verführt. Dann bezichtigt die Polizei Amira der Prostitution und das Paar gerät in einen Gewissenskonflikt.
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Eure Kritiken zu Tangerine

  1. Christian

    Eine wirkliche Überraschung. Eine tolle Regie, überragende Darsteller und eine spannende Geschichte sorgen für eine unterhaltsame Reise nach Tanger.

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