KRITIK

Taking Sides – Der Fall Furtwängler

Taking Sides - Der Fall Furtwängler An den künstlerischen Verführer-Qualitäten des berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler besteht kein Zweifel, wenngleich dem strengen Maestro schon in den besten Schaffensjahren der junge, vom Geniemythos umwehte Kollege Karajan konkurrenzeifrig im Nacken saß. Doch wer wie Furtwängler Beethovens Fünfte noch im Bombenhagel ungerührt voranpeitscht, während sich die Berliner Philharmoniker langsam in ein Panikorchester verwandeln, der sollte auch den Talentnachwuchs nicht fürchten.
Nein, der wahre biografische Wundpunkt im Wirken des Musikus liegt anderswo. Die irritierende Frage bleibt, ob der Ausnahme-Interpret der deutschen Klassiker sich als Nazi-Marionette zur Zerstreuung der Barbaren-Elite hat missbrauchen lassen, oder ob seine Konzerte in höheren Sphären aller Politik enthoben waren.
Der Theaterautor Ronald Harwood hat aus der misstönenden Lebens-Partitur Furtwänglers ein Kammerspiel erdichtet, das sich im Kreuzverhör der Wahrheitssuche widmet und die Schuld-und-Sühne-Seiten der künstlerischen Tätigkeit in der Diktatur beleuchtet. Regisseur Istv n Szabó, als Schöpfer von Werken wie „Oberst Redl“ und „Hanussen“ prädestiniert für mehrdeutige Schicksale in der Nazi-Zeit, spürt dem hochspannenden, philosophischen Stoff nun filmisch nach. Im Mittelpunkt seiner Adaption, zu der Harwood selbst das Drehbuch lieferte, steht der amerikanische Major Steve Arnold (Harvey Keitel), der als hemdsärmeliger Schwarzweiß-Richter im Entnazifizierungs-Prozess von der Parteizugehörigkeit des satanischen „Bandleaders“ Furtwängler (Stellan Skarsg†rd) überzeugt ist und selbst vor Gestapo-Methoden nicht zurückschreckt, um ein Geständnis zu erzwingen.
Szabó hat ein beachtliches Ensemble versammelt, darunter eine Reihe namhafter deutscher Schauspieler wie Moritz Bleibtreu, Armin Rohde und Ulrich Tukur. Besonders aber lebt der Film vom phänomenalen Spiel der moralischen Antagonisten Keitel und Skarsgård. Der Regisseur und sein Kameramann Lajos Koltai schaffen während der packend-duellistischen Verhörpassagen eine klaustrophobische Atmosphäre, in der mehr Zweifel gesät, als Fragen geklärt werden. Weder ist eine klare Parteinahme für oder gegen Furtwängler intendiert, noch soll entschieden sein, wann ein Kompromiss zum Verbrechen gerät. Dies unbeantwortet zu lassen und die eigene Position nur anzudeuten, ist Szabós Recht als Künstler. Patrick Wildermann



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Steve Arnold, Major der US-Armee, soll ein Exempel statuieren und beweisen, dass der in Deutschland hoch angesehene Dirigent Wilhelm Furtwängler mit den Nazis kollaboriert hat. Das Chaos im besiegten Deutschland, die Lügen und gegenseitigen Anschuldigungen der Betroffenen machen die Angelegenheit zu einem verminten Gelände für den Major.
Arnold geht bis zum Äußersten, um ‚seine' Wahrheit zu finden: seine Schwarz-Weiß-Philosophie eignet sich jedoch wenig zur Schuldfeststellung im Fall eines sensiblen Künstlers, der trotz des totalitären Regimes entschlossen seine künstlerische Aufgabe erfüllen wollte und sich durch ein Dickicht moralischer Ambivalenz zu manövrieren versuchte.
Diese Geschichte basiert auf wahren Ereignissen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*