KRITIK

Tagebuch der Anne Frank, Das

Bild (c) Universal Pictures Germany 2016.

Bild (c) Universal Pictures Germany 2016.

Von Anne Frank kann man nicht oft genug erzählen. Das Tagebuch der jüdischen Kaufmannstochter, die 1945, wenige Wochen vor dem Untergang des Dritten Reiches, von den Nazis im KZ Bergen-Belsen umgebracht wurde, ist Weltliteratur, Schulpflichtlektüre und eines der eindrücklichsten Zeitzeugenberichte aus der Shoah. Mehr als zwei Jahre – bis zur Verhaftung im August 1944 – hielt die gebürtige Frankfurterin mit fesselnder Beobachtungsgabe fest, wie es ihr, ihrer Familie und den vier weiteren Menschen erging, während sie sich in einer kaum 60 Quadratmeter großen Geheimwohnung im Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht vor den Nazis versteckt hielten.

Verfilmungen zu der Geschichte gibt es einige – am berühmtesten ist George Stevens´ dreifach oscarprämierte Hollywood-Fassung von 1959. Doch so werkgetreu, wie es diese erste deutsche Kinoversion auch in den Dialogen ist, war noch kein Frank-Film zuvor – was auch daran liegt, dass Regisseur Hans Steinbichler („Das Blaue vom Himmel“) und der in historischen Stoffen versierte Drehbuchautor Fred Breinersdorfer („Elser“) eng mit dem Anne-Frank-Fonds zusammenarbeiten konnten.

Szene_Tagebuch_Anne_FrankDie Nähe zum Text wäre allerdings nichts wert ohne eine passende Darstellerin: Mit der gerade 17-jährigen Lea van Acken („Kreuzweg“) hat Steinbichler sogar eine ideale gefunden. Sie bringt alle Facetten einer Heranwachsenden herüber, die sich während ihrer Gefangenschaft mitten in der Pubertät befand und die schwierige Phase ihres auch sexuellen Erwachens unter klaustrophobischen Bedingungen durchleben musste: mal zickig, mal altklug, mal verspielt, renitent gegenüber der Mutter, ein Teenager eben, wenn auch ein sehr kluger und empfindsamer.

Van Acken ist das beeindruckende Zentrum dieser Neuverfilmung, die ansonsten nicht wenig an den Krankheiten des deutschen Historienfilmwesens laboriert, am obsessiven Ausstattungsrealismus und am Rückgriff auf die ewig gleichen Darsteller: Martina Gedeck und Ulrich Noethen, die Annes Eltern spielen, sind längst zu Klischees des deutschen Zeitgeschichtsfilms geworden.

Dennoch fesselt der Film, weil er sich, auch in Rückblenden, konsequent der Sichtweise Annes verschreibt – bis zum fragwürdig didaktischen Epilog, der den Text verlässt und das Grauen im Konzentrationslager zeigt. Die Abgründe von Anne Franks Tagebuch erschließen sich nicht zuletzt aus seinem Kontext heraus, aus dem Wissen um das ungeheuerliche Ende seiner Verfasserin. Dessen Bebilderung aber schmälert die Wirkung der Verfilmung.

 

 

Kritikerspiegel Das Tagebuch der Anne Frank



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7.5/10 ★★★★★★★½☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel.



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*