KRITIK

Tage des Zorns

Tage des Zorns „Flamme“ und „Citron“ lauten die Tarnnamen der beiden Widerstands-Killer, um die es hier geht. Als Partisanen im von den Nazis besetzten Kopenhagen sind sie in Dänemark Figuren der Zeitgeschichte. Regisseur Ole Christian Madsen, der vor sieben Jahren den Dogma-Film „Kira“ drehte, hat die historischen Personen in ein teils fiktives Drehbuch integriert, um von ganz hartem Tobak zu erzählen: von der Deformation der Moral in Kriegszeiten und von der grausamen Relativität der Schuld.

Flamme ist erst 23 und, zu Beginn, sehr hitzköpfig. Der rothaarige Thure Lindhardt spielt ihn sehr engagiert; man kennt ihn aus „Was nützt die Liebe in Gedanken“. Brillanter noch ist wieder einmal, als Citron, der schmallippige Mads Mikkelsen, Schurke des letzten Bond-Abenteuers und längst Dänemarks größter Star. Wie er hier, dauerverschwitzt und bartstoppelig, als feiger Mörder wider Willen, obendrein vom Eheruin gepeinigt, durch Kopenhagen gespenstert, das ist ebenso beklemmend wie atemberaubend.

Flamme und Citron ermorden anno 1944 im Auftrag des Partisanenführers Aksel Winther Nazi-Spitzel und Verräter aus den eigenen (dänischen) Reihen. Anschläge auf die Groß-Nazis aber, etwa den örtlichen Gestapo-Chef Hoffmann (Christian Berkel, der seiner langen Liste an Nazirollen eine weitere hinzufügt), bleiben ihnen aus diffusen Gründen versagt

Während die beiden selbst genug mit moralischen Rechtfertigungen zu kämpfen haben, droht bald durch Doppelspionage und Korruption schlimmeres Unheil: Winther scheint plötzlich ebenso dubios wie manches Mordopfer unschuldig. Als Flamme und Citron beschließen, auf eigene Faust zu handeln, ist es bereits zu spät.

Obwohl sie doch um das traurige Ende der Spione wussten, strömten die Dänen in Massen ins Kino. Dabei war „Tage des Zorns“ wegen seines freien Umgangs mit historischen Fakten auch in Dänemark nicht unumstritten. Tatsächlich wirkt Madsens Film seltsam spröde, weniger unterhaltsam als Verhoevens „Black Book“ und weniger spannend als Spielbergs „München“, die vergleichbar sind. Die Geschichte von Flamme und Citron entfaltet sich vielmehr leise und intellektuell und, trotz vieler harter Szenen, nicht die Spur reißerisch.



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INHALT

Die beiden Widerstandskämpfer Flame und Citron befreien kaltblütig und kompromisslos das Kopenhagen des Jahres 1944 von Kollaborateuren. Von der dänischen Bevölkerung bewundert und den deutschen Besatzern um Gestapo-Chef Hoffmann gejagt, zeigt das Duo Nerven, als das Attentat auf Gilbert , ein wichtiger Mann bei der deutschen Abwehr, schief läuft. Plötzlich beginnen die beiden alles und jeden in Frage zu stellen, sowohl an der Integrität ihres Auftraggebers als auch an Geheimagentin Ketty, zugleich Flames Geliebte, zu zweifeln.
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Eure Kritiken zu Tage des Zorns

  1. Konrad Kalisch

    Neben der packenden Handlung ist die schauspielerische Leistung das Großartigste an diesem Historienfilm. Aber auch die Aufmachung, also die Schauplätze, die alten Autos, die passende Kleidung und die stimmige, aber auch bedrohliche 30er und 40er Jahre Atmosphäre sind reizend. Hier stimmt einfach fast alles, bis auf eines: Erfahrene Cineasten werden alles leicht voraussehen können… anders hätte man es (ähnlich wie bei Napola) bei so einem Nazidrama aber auch nicht machen können… Überraschungen im Plot sind also eher selten… schnell wird klar, das die Frau von Citron eine Doppelagentin ist und ein falsches Spiel spielt, obwohl sie überzeugend preis gibt, das Winther auch keine lupenreine Weste trägt. Der Showdown des Films ist dramatisch und perfekt inszeniert, ohne großartig kitschig zu sein. Im Gegenteil, er fügt sich wirklich gut ein, entgegen den Befürchtungen eines klischeehaften und überdramatisierten Endes. Der Film erzählt eine gute Geschichte, zeigt hervorragend die Charakterwandlung von Flamme und setzt den beiden dänischen Volkshelden mit Bravour ein Denkmal. Am Anfang war ich eher skeptisch bezüglich der Rolle des Mads Mikkelsen als Flamme, aber dann hat er im Verlauf des Filmes entgegen allem Skeptizismus grandios brilliert! Die Performance stimmt vorne und hinten: Vom sensiblen und zweifelnden Fahrer, der zum knallharten und abgezockten Killer wird bis hin zum fürsorglichen Vater, der den neuen Liebhaber seiner Frau verschont, aber möchte, das Recht und Ordnung im fremden Vaterhaushalt herrscht. Die Brille steht Mikkelsen dabei außerordentlich und ähnlich wie in „Dänische Delikatessen“ schwitzt er ununterbrochen. Die ernste Miene drückt seine Denkerpersönlichkeit aus. Eigentlich ist er eher der Mann für den Hintergrund, doch während seiner Charakterentwicklung arbeitet er sich immer mehr in den Vordergrund des Geschehens bis zum furiosen Finale (Achtung Spoiler!). Während Citron es vorzieht mit einer Giftkapsel abzutreten, ohne noch einen Nazi getötet zu haben, lädt Flamme sein ganzes Arsenal durch und bietet den Wehrmachtssoldaten mutig die Stirn. Wenn mans genau nimmt, dann ist Flamme heldenhafter gestorben… und Citron war im Film eigentlich die Verliererpersönlichkeit, denn er hat sich verführen lassen und ist der femme fatale zum Opfer gefallen. Sie hat alle verraten und ans Messer geliefert… nur weil Citron aus Liebe nicht den Arsch in der Hose hatte sie endlich zu liquidieren… was er schon nach den ersten Hinrichtungen in den eigenen Reihen (durch die Nazis) hätte tun sollen…

    Nebenbei wird das Thema, „wie sich Menschen beim und im Krieg verändern“ auch angeschnitten und abgehandelt. Die Menschen stumpfen ab, werden komisch, geraten in ethische Konflikte mit ihrem Gewissen und leben in ständiger Angst vor der Bedrohung durch den Feind (die Besatzermacht). Doch was waren alle diese Widerstandskämpfer nicht bereit (oftmals aus Liebe zum Vaterland – was im Film oft erwähnt und angesprochen wird) auf sich zu nehmen… das ist schon der Wahnsinn und als Filmstoff unheimlich spannend. Sehenswert!

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