KRITIK

T 2 Trainspotting

Bild (c) 2017 Sony Pictures Releasing.

Wie inszeniert man den Nachfolger eines Films, der tonangebend für eine ganze Generation war? Nur eben eine komplette Generation später? Definiert man die eigene Generation neu? Oder gibt man den Staffelstab symbolisch an die Jüngeren weiter? „T2 Trainspotting“ wählt einen anderen Ansatz und versteift sich stattdessen darauf, eine hochglänzende Ablenkung von einer inneren Enttäuschung zu sein, die der Genereration der „Fourtysomethings“ manchmal angedichtet wird. Mit anderen Worten: Erneut vereint sich das bekannte Probanten-Quartett in Originalbesetzung aus einer famos inszenierten Junkie-Studie aus alten, fiebrigen Tagen, das – nun etwas in die Jahre gekommen – im Alter keinen Deut weiser ist. Beinah scheint es, als wollten die vier Schlitzohren eines deutlich zeigen: Die Wiederentdeckung der eigenen Männlichkeit zieht sich – und sie versprüht Langeweile – mit oder ohne einer Nadel Smack im Arm.

Als Fan-Service und Muskelspiel der eigenen Virtuosität besteht Danny Boyle´s kribbelige und groteske Kapriole so gerade eben die Musterung. Zwar werden Ensemble, Soundtrack und schwindelige Kamera sehr gut zu einem nostalgischen Trip zusammengelegt, aber „T2 Trainspotting“ lässt die wichtigste Zutat vermissen: Wo „Trainspotting“, das Original von Irvin Welsh (und erst recht die gleichnamige Verfilmung von Boyle) einst eine zynische Momentaufnahme des Britannien der mittleren 90er Jahre war, ist „T2 Trainspotting“ nicht mehr als ein kurzer Blick in den Rückspiegel. Mit dem Malus, satirisch mit diesem Rückblick umzugehen.

John Hodges Drehbuch zu „T2 Trainspotting“ basiert partiell auf dem literarischen „Trainspotting“-Nachfolger aus dem Jahr 2002, auch von Irvine Welsh, allerdings weniger bekannt und weniger erfolgreich als „T1“. Die im Gegensatz zur Vorlage um 15 Jahre nach hinten verlegte Handlung ist im finalen Produkt deutlich zu erkennen, wird aber immer wieder durch kurze Referenzen an die social-media-süchtige Generation angereichert. Aus Sicht eines Aussteigers, einem, der Schottland vor 20 Jahren verlassen hat, entpuppt sich die Welt als nach außen gewandt; kratzt man jedoch an der Oberfläche, scheint die Zeit für viele in England stehen geblieben zu sein.

Wenn der inzwischen 46jährige Mark Renton im Brexit-Edinburgh landet, fragt er zweifelnd einen der am Flughafen wartenden (ein „Welcome to Edinburgh“-Schild haltenden) Mann, wo dieser denn herkäme. Als Antwort erhält er „Slowenien„. Nein, dies ist nicht das Edinburgh, welches Renton vor 20 Jahren fluchtartig verlassen hatte/musste, die Beute eines gewagten Heroin-Deals im Gepäck. Der Dreck der mittleren 90er Jahre wurde hier lediglich durch anderen Verfall ersetzt, den die Production Designer Mark Tildesley („High-Rise”) und Patrick Rolfe anschaulich durch Berge von Altmetall und vielfältigen Schutt demonstrieren.

Aber Renton ist auch nicht mehr der Alte. Der Held von „Trainspotting“, einst ein schlaksiger Skinhead, hat sich zu einem durchtrainierten und nachdenklichen Briten gewandelt. Einen ersten Blick erhaschen wir auf ihn, als er sich auf einem protzigen Laufband an den Rand der Erschöpfung rennt – ein krasser Gegensatz zur verzweifelten Flucht einst im Sprint vor der Polizei in der Eröffnung des Originals. Dies ist nur die erste von vielen (etwas selbstverliebten) visuellen und rhythmischen Parallelen zwischen Original und Nachfolger, die Boyle, zusammen mit Kameramann Anthony Dod Mantle und Editor Jon Harris, zieht.

In einem seiner ikonischen Monologe – hier ungünstig angereichert mit sehr generischen Referenzen in Richtung Slut-Shaming und Reality-TV – erklärt Renton, dass er „sich aufgeräumt“ und nun „das Leben gewählt habe“. Nur hat sich letzteres als erstaunlich bedeutungslos erwiesen: Karriere in Amsterdam, grade geschieden, nun zurück in Edinburgh, um sich mit den alten Chaoten wieder zu vereinen. Hodges Drehbuch hält frecherweise mit dem Beweggrund hinter´m Berg. Die Vermutung liegt allerdings nahe: Auch hier war Langeweile die treibende Kraft.

Wenig überraschend hat sein ehemals bester Freund Simon (Jonny Lee Miller) noch immer einen Hals auf ihn, hat Renton ihn doch damals um seinen Anteil am Drogengeld gebracht. Allerdings sinnt Simon bei weitem nicht so auf Rache, wie Begbie (Robert Carlyle). Letzterer hat sich jüngst selbst aus dem Gefängnis entlassen und befindet sich auf einem blutigen Kriegspfad. Ihr hoffnungslos leutseliger Freund Spud (Ewen Bremner) beobachtet dies bebend auf der Ersatzbank, versucht noch immer seiner Liebe zum Heroin zu entsagen, um irgendwann endlich seine nervöse Energie in eine einigermaßen autoritäre Rolle zu kanalisieren.

Mit ihrem Versuch, die komplette Vereinigung des infernalen Quartetts bis kurz vor Feierabend zu verzögern, servieren Boyle und Hodges leider zu viele Vorspeisen bis zum Hauptmenue, mit beachtlich wenig auf den Tellern. In einer „Union zur Probe“ versuchen Renton und Simon mit Veronika (Anjela Nedyalkova) – ihres Zeichens Simons bessere Hälfte und bulgarische Sex-Workerin – aus einem Pub einen edlen Puff zu machen. Zeitgleich will Begbie seinen entfremdeten Sohn in die Halbwelt Edinburghs einführen. Kein leichtes Unterfangen, steht er sich dabei doch ständig selbst im Weg.

In einer absolut disharmonischen Abweichung von den Klängen der Vorlage wurde in „T2 Trainspotting“ aus dem verantwortungslosen Querkopf ein völlig überdrehter (und in den absoluten Unsinn skizzierter) Psychopath, der ständig sein Messer schwingt. Ähnlich „gezwungen“ geht es bei den Exkursen zu anderen bekannten Gesichtern zu: Eine aalglatte Diane Forman (Kelly Macdonald) darf Renton kurz juristischen Rat anbieten, Gail (Shirley Henderson) bekommt sogar nur einen Satz zugestanden.

Tatsächlich ist der Umgang mit den weiblichen Charakteren in „T2 Trainspotting“ die größte Enttäuschung. Mit viel Liebe lässt sich daraus interpretieren, dass die Herren der Schöpfung im Zentrum der Handlung sich einfach nicht weiterentwickelt haben, allerdings betont die Hand dann wieder die komplette Nutzlosigkeit der Frauen am Rande der Runde.

Wo „Trainspotting“ einst mit voller Absicht in die Leere stürzte und in einer sich sträubenden bis höhnischen Wut auf ein konservatives System ordentlich Luft abließ, welches kaum Leben zuließ, beschäftigt sich der Nachfolger nun hauptsächlich damit, dass sich die Charaktere aneinander berauschen und wundreiben. Trunken taumeln wir mit ihnen durch eine Abfolge von Verfolgungen, grell erhellten Trips und einem (ganz sich der der britischen Farce verschriebenen) Ausflug aufs Land – natürlich bar jeder Bekleidung. Boyle und Dod Mantle präsentieren in der schwerfälligen Geschichte zwar beachtlich handwerklichen Elan sowie Technik um Technik: 8mm Rückblenden, Projektionen, verrückte Dutch Tilts und, der eigenen Zeit eventuell sogar voraus, Snapchat Filter. Aber nein, auch damit ist es sicherlich nicht der schönste Boyle-Film, definitiv aber der visuell eifrigste.

Unter dieser schimmernden und blitzenden Oberfläche sind jedoch alle Fäden nur lose verbunden und die Hürden sehr hoch. All die, die 20 Jahre darauf gewartet haben, noch ein Mal mit den Jungs abzuhängen, um ihrem wirren Geblubber zu folgen, werden vermutlich zufrieden sein, wenn Boyle die ersten Klänge von Iggy Pop´s „Lust for Life“ erklingen lässt, um ein wenig anzufixen – und ja, auch der Rest des Soundtracks erfährt eine ähnliche Erweckung.

Natürlich macht es Freude, diese schrägen Vögel wieder einmal vereint zu sehen. Besonders im Falle des wasserstoffgebleichten Schopfs von Miller ist es ein Hochgenuss ihn endlich wieder auf hohem Niveau zu sehen. Ewan McGregor dagegen wirkt, noch mehr als in seinen letzten Auftritten, ein wenig übersättigt. Am Ende ist „T2 Trainspotting“ somit nicht viel mehr als ein nettes Wiedersehen mit viel Neon, viel Glitzer und ein wenig Lärm um relativ wenig.

 

 

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