KRITIK

Swiss Army Man

Bild (c) 2016 Capelight Pictures.

Bild (c) 2016 Capelight Pictures.

Ein junger Mann strandet auf einer einsamen Insel. Weit und breit keine Rettung oder gar Essbares in Sicht. So versucht er, sich das Leben zu nehmen. Plötzlich wird eine Leiche angespült. Und die erweist sich nicht nur als überraschend hilfreich bei der Flucht von der Insel sondern auch als „Mehrfach-Werkzeug“, als Seelentröster, Freund, Spielkamerad, … Oder ist doch alles ganz anders? Bis zur letzten 95. Filmminute dieser wunderbar skurrilen Robinson-Crusoe-Groteske wird nicht wirklich klar, ob die zahlreichen Abenteuer, die Hank (Paul Dano) mit „seiner“ Leiche (Daniel Radcliffe) erlebt, wirklich so passiert sind oder ob sie der wirren Phantasie eines 16-jährigen Einzelgängers entspringen. Klar ist lediglich, dass „Swiss Army Man“ von Dan Kwan und Daniel Scheinert einer der skurrilsten, berührendsten und sonderbarsten Filme des an Ideen so armen Kinojahres 2016 ist.

Dabei verlangt der Film Durchhaltevermögen. Denn im Kern wird die Handlung voran getrieben durch … Blähungen. Und zwar durch die Blähungen bzw. durch die Verwesungsgase der Leiche, die das Meer angespült hatte. Hank nutzt die Verwesungsgase des toten Körpers, den er Manny nennt, nicht nur als Antrieb, um von der einsamen Insel zu fliehen sondern auch als Katapult in brenzligen Situationen oder als Rettungsantrieb bei einem Sturz in einen Fluß. Und damit nicht genug, die beiden Regisseure Kwan und Scheinert, die auch das Drehbuch schrieben, bauen weitere Verwesungszustände, wie beispielsweise Muskelzuckungen oder einen errigierten Penis in die Handlung mit ein.

Szene_Swiss_Army_Man_01Wer das zu morbide oder abstoßend findet, der sollte einen großen Bogen um „Swiss Army Man“ machen, denn nicht nur die Verwesungszustände, auch körperliche Nähe zu einem toten Körper bis hin zum Trinkwasserspender werden nicht ausgespart. Jedoch so befremdlich das zu Beginn auch sein mag, ebenso behut- wie unterhaltsam loten die beiden Regisseure das Zusammenspiel zwischen Hank und seinem neuen Freund Manny in zahlreichen grotesk-schwarzhumorigen Szenen aus. Das ist – so sonderbar das klingt – tief berührend.

Beispielsweise werden nach einem zunächst vulgär erscheinenden Dialog über Masturbation die tiefgründigen Selbstzweifel der Hauptfigur offen gelegt, bei denen es darum geht, dass er scheinbar nur in der größten Einsamkeit seinen Trost finden kann. Im Zusammenspiel mit seinem neuen Freund, der ihm irgendwann auch „antwortet“, entdeckt Hank sein eigenes Selbst und lernt, sich so zu akzeptieren wie er ist und sich nicht von allgemeinen Normen verbiegen und unterdrücken zu lassen.

Szene_SwissArmyMan_02Paul Dano und Daniel Radcliffe verkörpern ihre herausfordernden Rollen mit viel Respekt, Feingefühl und Überzeugungskraft. Während sich der ehemalige Harry-Potter Darsteller Daniel Radcliffe damit nicht nur von seiner „Überfigur“ freigespielt haben dürfte, beweist Paul Dano einmal mehr, dass er zu den talentiertesten und wandlungsfähigsten Darstellern im derzeitigen Filmbusiness zählt. Die hervorragende Chemie zwischen den beiden, das sehr gelungene Finale, das einen vermutlich noch lange verfolgen wird und die zahlreichen Fragen, die während dieser ungewöhnlichen Introspektive an die Gesellschaft gestellt werden sind es, die „Swiss Army Man“ zusammen mit den sehr berührenden Einzelmomenten zu einem der ungewöhnlichsten Filme des Jahres machen.

Selten hat man eine schönere Männerfreundschaft im Kino gesehen.

 

 

 

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INHALT

Er hat weder einen "Freitag" zur Ablenkung noch einen Volleyball zur Ansprache. Deshalb hat der auf einer einsamen Insel gestrandete Hank (Paul Dano) bereits mit seinem Leben abgeschlossen und sich den alles beendenden Strick geknüpft, als ihn ein merkwürdiges „Strandgut“ ablenkt und unverhofft zu seinem Lebensretter wird: Die aufgeblähte Leiche von Manny (Daniel Radcliffe) entpuppt sich als veritabler, (un-)toter Alleskönner, mit dem sich trefflich Boot fahren, jagen und sogar kommunizieren lässt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ... (Text: Capelight Pictures Filmverleih)
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Eure Kritiken zu Swiss Army Man

  1. RobbyTobby

    Ein im wahsten Worte fantastischer Film. Das berührende Schauspiel von paul dano und die überzeugende „Hingabe“ von Daniel Radcliffe machen den Film sicherlich zu eines der sonderbarsten Buddy-Movies der Filmgeschichte.

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