AKTUELL IM KINO

Suburbicon (Stefan)

Plakat-zum-Film-Suburbicon-mit-Matt-Damon-als-Cover.

Bild (c) 2017 Concorde Filmverleih.

Als Schauspieler ein verdienter Star, versuchte George Clooney sich immer wieder auch im Regiefach. Sein Debüt „Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind“, das sich stilistisch deutlich an den Arbeiten von Steven Soderbergh orientierte, wurde noch recht wohlwollend entgegengenommen. Mit der Verbeugung vor der Broadcaster-Legende Edward R. Murrow „Good Night, and Good Luck“ heimste er sogar sechs Oscar-Nominierungen ein. Ein zwiespältiger Erfolg, ein Beinahe-Oscarsegen, gefolgt von der Erkenntnis, dass Clooney sowohl als Darsteller als auch als Regisseur scheinbar nichts mehr misslingen kann.

Was sich damals aber schon ansatzweise andeutete: Regisseur Clooney kann gelegentlich ganz schön unkreativ sein. Eine Einschätzung, die sich in Nostalgie-Übungen längst vergangener Kino-Ären wie „Verlockenedes Spiel“ und zuletzt „Monuments Men“ bestätigen sollte. Szene-aus-dem-Film-Suburbicon-mit-Matt-Damon-und-Julianne-Moore-in-der-Küche.Immerhin konnte „Ides of March – Tage des Verrats“ als grimmiger Vorbote heutiger politischer Verschwörungsdramen mit ein paar mitreißenden Performances (vor allem des verstorbenen Philip Seymour Hoffman) aufwarten. Geht man nach Einspielergebnissen und kritischer Rezeption, könnte „Suburbicon“ das wohl letzte eitle Projekt dieser Art sein.

Das titelgebende Suburbicon ist kein realer, sondern ein fiktiver Ort, dessen Ortsname natürlich ein nicht sehr subtiles Wortspiel mit dem englischen „Suburbs“ (zu Deutsch: Vorstadt) ist. Eine Vorstadt, die aus einem Bilderbuch des Amerika der 50er Jahre zu stammen scheint. Diese Idylle wird zunächst durcheinandergebracht, als die afroamerikanische Familie Mayer einzieht. Und selbst dem Postboten wird schnell klar, dass es sich bei den Mayers nicht um die Bediensteten einer weißen Familie handelt. Während aber die rassistische Nachbarschaft ihren Hass auf die unschuldige Familie Mayer richtet, braut sich das wahre Unheil im Nachbarhaus zusammen.

Szene-aus-dem-Film-Suburbicon-mit-Oscar-Isaac-am-Schreibtisch-sitzend.Hier wohnen nämlich die sehr weiße und sehr verkorkste Familie Lodges, dessen erwachsenen Mitglieder ihre ganz eigenen Probleme haben: Vater Gardner Lodge (Matt Damon) arbeitet in einem nichtssagenden Bürojob. Seine Ehefrau Rose (Julianne Moore) sitzt seit einem Unfall, den Gardner verursacht hat, im Rollstuhl. Ihre Zwillingsschwester Margaret (nochmal Julianne Moore) wohnt bei der Familie, um sich liebevoll um ihre Schwester zu kümmern. Auch diese aufopferungsvolle, vermeintliche Idylle soll bald auf den Kopf gestellt werden, als zwei Einbrecher eines Nachts bei den Lodges eindringen.

Was nun erfolgt, ist eine seltsam unstimmige Mischung aus Hitchcock-Remineszenzen und einem halbgaren Drehbuch der Coen Brüder. Die Coens schrieben bereits in den 80ern die erste Fassung dieses Scripts. Dieses wurde wiederum von Clooney selbst und seinem Langzeit-Autorenpartner Grant Heslov überarbeitet. Lieblos angereichert wirkt vor allem aber der Subplot um die afroamerikanische Familie Mayer, die eigentlich genug Stoff für einen Hauptplot geboten hätte. Bestenfalls handelt es sich hier um ein halbherziges Statement über Rassismus in den USA. Schlimmstenfalls nutzt der Regisseur die entsprechenden Schauspieler und ihre Figuren als Requisiten für ein Hollywood, das sich auf die Schulter klopft, weil es tatsächlich entdeckt hat, dass es jetzt Rassismus aufarbeiten darf. Denn ein Innenleben gönnen Clooney und Heslov diesen Figuren nicht.

Szene-aus-dem-Film-Suburbicon-mit-Matt-Damon-und-Julianne-Moore-im-WohnzimmerLeider schafft es auch die Hauptstoryline nicht, diese eklatanten Schwächen wieder auszugleichen. Anstatt diesen amerikanischen Alptraum in nuancierter Art und Weise zu untersuchen oder zumindest einen neuen Aspekt dieser doch sehr ausgelutschten Thematik herauszuarbeiten, übt sich „Suburbicon“ lieber in breiten Pinselstrichen. Statt interessanter oder neuer Erkenntnisse, winken nur die üblichen Klischees und plumpe Symbolhaftigkeit.

Dies gilt letztendlich auch für die Charakterisierungen der Hauptprotagonisten: Während Damon den simplen Jedermann mit dem Wunsch nach einem anderen Leben mit viel offensichtlicher unterdrückter Wut spielt, überdreht Julianne Moore als Abziehbild einer 50er Jahre Hausfrau mit dunkler Facette. Ein kleines Highlight bietet immerhin Oscar Isaac als clever-schmieriger Versicherungsagent.

Die Show stiehlt allen Beteiligten allerdings der junge Noah Lupe, der den gesamten Film mehr oder weniger alleine trägt. Auch, indem er durch sein emphatisches, emotionales Spiel, die Furcht eines kleinen Jungen vor den realen Gefahren und der Dunkelheit in der eigenen Familie für den Zuschauer fast spürbar macht.

Letztendlich ist „Suburbicon“ nicht halb so clever, wie es sein Regisseur gern transportieren möchte, Matt Damon auf der Flucht auf einem kleinen Kinderfahrrad nicht halb so skurril, wie es der Film gern verkaufen möchte und das armselige Statement über einen immer noch sehr lebendigen Rassismus nicht halb so dringlich, wie es sein sollte.

 

Kritikerspiegel Suburbicon



Lida Bach
pressplay, Title-Magazin.
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
4.5/10 ★★★★½☆☆☆☆☆ 


 

Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel.

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