KRITIK

Still Alice

Bild (c) 2015 Polyband Film.

Bild (c) 2015 Polyband Film.

Es ist offensichtlich, die über 5.400 Mitglieder der Oscar-Academy zeichnen am liebsten Darsteller aus, die Sieche und Beeinträchtigte verkörpern. Das war auch im Jahr 2015 so: Eddie Redmayne siegte als Stephen Hawking, und für „Still Alice“ erhielt Julianne Moore endlich die ihr schon längst gebührende Goldstatue. Typisch, dass sie dafür erst eine Frau spielen musste, die durch Alzheimer aus ihrem Leben gerissen wird.

Doch gleich vorweg: Der Film „Still Alice“, inszeniert von den „America‘s Next Top Model“-Produzenten Wash Westmoreland und Richard Glatzer, ist kein Meisterwerk. Das Drama der 50-jährigen Linguistikprofessorin Alice Howland, der eines unerwarteten Tages die Diagnose gestellt wird, an einer seltenen und vererbbaren Alzheimervariante erkrankt zu sein, entfaltet sich sehr schematisch. Nach den ersten Aussetzern (beim Vortrag, beim Joggen) folgt die Diagnose, danach die Reaktion des Ehemanns (Alec Baldwin) und der Kinder, danach wird das Voranschreiten der Krankheit durch diverse Stadien des geistigen Verfalls und der Persönlichkeitsveränderung durchdekliniert. Sicherlich kein Film für den unterhaltsamen Abend.

Szene_STILLALICE_webAnders als beispielsweise „An ihrer Seite“ (2006), Sarah Polleys Film zum Thema, erzählen die Regisseure nicht aus der Außenperspektive eines Angehörigen, sondern ganz aus der Sicht der Erkrankten – ohne dabei formal jedoch über ein paar halbherzige Symbolismen hinauszugehen. Im Bemühen, bloß nicht in hollywoodtypischen Kitsch abzugleiten, bleiben sie dabei so nüchtern bei der Sache, als drehten sie eine Reportage. Tatsächlich präsentiert sich der auf einem Roman der Neurologin Lisa Genova basierende Film fast als klinische Fallstudie. Nur im Verhältnis von Alice zu ihrer jüngsten Tochter, der Schauspielerin Lydia („Twilight“-Star Kristen Stewart), gewinnt der Film eine größere emotionale Kraft.

Man sollte sich „Still Alice“ trotzdem ansehen – nicht zuletzt wegen Julianne Moore, einer der tollsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Die Frau, die sich neben Rollen in Kritikerfavoriten wie „The Hours“ oder zuletzt „Maps to the Stars“ auch für kindischen Trash wie „Seventh Son“ nicht zu schade ist, überzeugt hier erneut auf voller Linie. Ohne Larmoyanz und in zahlreichen Nuancen vermittelt sie die Tragödie einer Intellektuellen, der die Fähigkeit zum Denken und Erinnern unerbittlich abhanden kommt. Sehenswert.

 




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