KRITIK

Steve Jobs

Bild (c) Universal Pictures Germany.

Bild (c) Universal Pictures Germany.

Die Parallelen zu David Finchers „The Social Network“ sind (abgesehen von den letzten zehn Minuten) frappierend. Nicht nur inhaltlich: Ein arroganter Perfektionist wird zum erfolgreichen Superstar. Basierend auf einer Roman-Biografie. Und einmal mehr transportiert das Medium Film diese Erfolgsgeschichte mittels zwischenmenschlicher Konflikte und lebensabschnittsbegleitender Charaktere. Um anschließend nach Ausstrahlung von Zeitzeugen im realen Leben abgewatscht zu werden: Diese Darstellung hätte nichts mit der oder den dargestellten Person(en) gemein.

Ergo: Wer bei Finchers „The Social Network“ eine Anleitung sehen wollte, mit welchen Mitteln sich Mark Zuckerberg zum jüngsten Milliardär der Nachkriegsgeschichte entwickelte, saß genauso im falschen Film wie derjenige, der bei Danny Boyle sehen möchte, wie Steve Jobs zum führenden Kopf hinter Meilensteinen wie dem iMac, dem iPod oder gar dem iPhone wurde. Einmal mehr reduziert Drehbuchautor Aaron Zorkin, der zu beiden Filmen das adaptierte Skript lieferte, seine Hauptperson auf ihr Talent hinsichtlich deren zwischenmenschlicher Interaktion. Zahlreiche Kritiker und auch das weltweite Publikum honorierten dennoch 2010 bei Finchers Abrechnung diese inhaltlich äußerst fragwürdige Herangehensweise. Klatsch und Tratsch hatten den Vorzug erhalten vor dem Politischen.

Szene_Steve_Jobs_2Zahlreiche Filmpreise (3 Oscars, 4 Golden Globes) und ein Einspiel von weltweit knapp 250 Mio. US-Dollar waren für Sony Pictures vier Jahre später Grund genug, das Team Fincher/Sorkin noch einmal zu bemühen. Diesmal sollte es also um die Autobiografie von Walter Isaacson über den Apple-Gründer Steve Jobs gehen. Fincher verließ das Projekt nach ersten Vorbereitungen jedoch schnell wieder, da er sich mit dem Studio nicht auf seine Vorab-Gage und seine Forderung nach der Kontrolle über das Filmmarketing einigen konnte. Dies sollte nicht der einzige Zwist im Vorfeld der Vorbereitungen zu diesem Film bleiben. Stichwort Hauptdarsteller.

Der Brite Danny Boyle übernahm die undankbare Aufgabe, aus einem bestenfalls konventionell erzählten Drei-Akter visuell das Beste herauszuholen, was sich Drehbuchautor Aaron Zorkin über die Figur Steve Jobs herausgesucht hatte. Und das sind: drei stresserfüllte Vorbereitungen auf drei wichtige Präsentationen, drei Backstage-Episoden unmittelbar vor den Launch-Events für den Macintosh 1984, den NeXT-Computer 1988 (das Produkt einer von Jobs gegründeten Konkurrenzfirma) und den iMac 1998. Boyle und sein (deutscher) Kameramann Alwin Küchler begegnen diesen drei Episoden mit drei unterschiedlichen Aufnahmetechniken: So ist die erste Episode in körnigem 16-mm-Material gedreht, die zweite in hochkarätigem 35 mm und die dritte in hochauflösendem HD. Ansonsten? Angenehme (visuelle) Zurückhaltung.

Man kann es „intelligent“ nennen, in der Inszenierung dieser Episoden die wichtigen finalen Launch-Events auszusparen. Schließlich ist Danny Boyle zum einen ein Meister darin, Hektik zu inszenieren. Hier sei an seine früheren Werke „Trainspotting“ oder „28 Days later“ erinnert. Zum anderen dürften die unzähligen Apple-Fans, die sich den Film sicherlich anschauen werden, die angerissenen Präsentationen ihres Idols im Rollkragen-Pullover vor Publikum kennen. Dennoch wird man am Ende des Films das Gefühl nicht los, um den eigentlichen Höhepunkt – oder um die Höhepunkte – betrogen worden zu sein.

Szene_Steve_Jobs_3Michael Fassbender verkörpert den dauerdynamischen und sehr eloquenten Schlacks, ohne Steve Jobs dabei auch nur annähernd ähnlich zu sehen. Oder ihn gar auch nur ansatzweise in Gestik und Mimik näher kommen zu wollen (wie es einst Ashton Kutcher in einem anderen Steve Jobs-Biopic versuchte). Kaltschnäuzigkeit? Tja, „Form follows function“. Aber zugegeben: Es ist faszinierend zu beobachten, wie der Brite mit einer enormen Bandbreite seines Könnens die Aufeinandertreffen mit wichtigen Verantwortlichen vor den Apple Launch-Events schauspielerisch meistert. In diesen kurzen, sehr intensiven und fast theaterhaft inszenierten Dialogpassagen werden die wichtigsten Begleitpersonen des Apple-Gründers (Seth Rogen als Steve Wozniak oder Kate Winslet als Joanna Hoffman) mittels einer geschickt platzierten Kamera zu kaum mehr als zu Stichwortgebern degradiert. In den meisten Fällen sitzend, flehend oder hilflos agierend im Hintergrund.

Besonders schmerzlich wird der Film, diese filmische Dekonsruktion einer Person, wenn in zahlreichen Szenen Jobs‘ lange nicht anerkannte Tochter nebst ihrer um finanzielle Unterstützung bittende Mutter (Katherine Waterston) auftaucht, um dem vom kapitalistischen Ehrgeiz zerfressenen Orchersterleiter (O-Ton) den finalen Sympathie-Restwert-Bonus vollends zu entziehen. Spätestens dann wird Sorkins chronologisch aufgebaute Abrechnung zur langweiligen Backstage-Soap-Opera. Bleibt am Ende die Frage: Warum? Warum nur diese wenigen Ausschnitte aus einem sicherlich spannenderen Leben? Und warum soll ich mir das anschauen? Egal wie man zu Apple, zu Apple-Produkten und dem Taktgeber hinter diesen cleveren Erfindungen steht, einer Person filmisch nahe zu kommen, indem man diese auf kaum mehr als drei stresserfüllte Episoden seines Lebens reduziert und ihm auch in der Optik nicht entgegen kommt, das kann man nur „verlogen“ nennen.

 




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