KRITIK

Stellvertreter, Der

Stellvertreter, Der Der Film von Regisseur Costa-Gavras ist weder Spielfilm noch Dokumentation. Zu langatmig, um unterhaltsam zu sein, zu sehr Klischeemontage, um als Dokumentation zu überzeugen, stellt sich gleich zu Beginn die Frage nach Sinn und Zweck dieser Literaturverfilmung.
Was vor 40 Jahren noch provozieren konnte, ist heute deutlich keine Provokation mehr, kein erhellendes, auf das menschlich Schwache zielende Kammerstück (à la Hochhuth 1963); und eben auch keine opulente Spielberg-Propaganda à la Schindlers Liste.
Die größte Schwäche des Films, der die Essentials der literarischen Vorlage brav und also ohne jede eigene Idee wiedergibt, ist die starre, eigenartig leblose Skizzierung der Charaktere (unmöglich Frau Gerstein, Lilly Turkur im wirklichen Leben), die von den Protagonisten bis zur Nebenrolle Sätzeaufsager vor eine unbewegliche Kamera stellt, alle unverbunden nebeneinander, alle mit sich selbst, also der Rolle beschäftigt. Die Verfilmung von Hochhuths Stück, das wiederaufzuführen aus heutiger Sicht nur in stark aktualisierter Form möglich sein dürfte, ist in ihrer Aussage – der Vatikan hat wieder einmal versagt, und: Gott ist nicht verantwortlich für den Holocaust – nicht neu und von daher auch überflüssig.
Immerhin, der Film ruft viele Dinge ins Gedächtnis zurück: die industriell betriebene Vernichtung von Menschen, die Akkuratesse und Gleichgültigkeit der verantwortlichen Planer, den dumpfen Untertanenhitlerwahn, die Inkonsequenz der sogenannten Gläubigen und: den Zynismus derjenigen, die die Macht haben und den Verstand, diese Macht kalt genießen zu können (hervorragend darin und bester Mitspieler: Ulrich Mühe als „Der Doktor“).
Es gibt in dem 131 min. dauernden Film, der sicherlich mehr sein will als reine Dokumentation, eigentlich nur eine Szene, deren authentische Dichtheit bewegt, und es ist dieser Minifilm im Eigentlichen, der sich ins Gedächnis grabe wird; was, mit Blick auf das Thema, wohl zu wenig ist: Als ein paar SS-Offiziers-Schergen sich dicht vor einer Stahltür versammeln und sich durch schmale Gucklöcher den – für die Zuschauer unsichtbaren – Todeskampf der am Giftgas grausam erstickenden Menschen ansehen, bebt die Kamera, beben die beinahe leblosen Gesichter. Beinahe, weil selbst bei den Abgebrühten unter den Voyeuren irgendetwas wie Angst vielleicht aufscheint, Beklommenheit in der Faszination des Grauens. Eine solche Szene, die sich zu hundert Prozent im Kopf des Betrachters auffächert, findet im ganzen Film keine weitere Entsprechung.
Costa-Gavras ist es nicht gelungen, das Unvorstellbare mit der Wirklichkeit zu vebinden. Sein Einfall, die mit „Einheiten“ vollen Güterzüge von rechts nach links, und leere in die entgegengesetzte Richtung immer wieder durchs Bild fahren zu lassen, erscheint hilfloser noch, als die offensive Darstellung vatikanischer Luxuriosität und Weltfremdheit. Dass er die Züge entgegen der Nazi-Propaganda (dort war der Osten immer rechts im Bild) fahren ließ, ist sicherlich keine Absicht gewesen. Weitere (historische) Ungenauigkeiten, vor allem aber die schwache Charakterzeichnung machen den Film beliebig und entziehen ihm jedes Recht auf ein deutliches Statement, beispielsweise gegen das von der Kirche bis heute behauptete Dogma der Unfehlbarkeit des Stellvertreters Gottes auf Erden. Benedikt Kraft



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Irgendwann in den 30er Jahren macht sich der Chemiker und Experte für Desinfektionsfragen, Kurt Gerstein, in der Uniform eines SS-Offiziers auf, das hochgiftige Zyklon B zu entwickeln. Gerstein, überzeugter Katholik und biederes Familienoberhaupt, vom Vater mehr oder weniger in die SS-Laufbahn gedrängt, wird eines Tages gewahr, dass seine Entwicklungen von Desinfektionsmitteln zur Effizienzsteigerung für die damals sogenannte „Endlösung“, die Vernichtung der europäischen Juden in den Gaskammern, benutzt wird.
Als Augenzeuge einer Vergasung begehrt der Waffen-SS-Offizier innerlich gegen die Massenermordung auf, wendet sich im Geheimen an den in Berlin ansässigen päpstlichen Nuntius; doch vergebens. Der bei diesem ersten Gespräch anwesende Jesuit Riccardo, dessen Vater einflussreicher Berater am päpstlichen Hofe ist, nimmt Kurt Gersteins Zeugenbericht jedoch ernst, die beiden versuchen auf vielerlei Weise den mächtigsten Katholiken, Papst Pius XI., Konkordatisten und weltfremden Frömmler zu einer Anklage gegen diese Greuel zu bewegen ... so wie es der vielgerühmte Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen bei den von Euthanasie Bedrohten erfolgreich von der Kanzel aus getan hatte.
Der Papst jedoch, Stellvertreter Gottes auf Erden, ist nur milde gestimmt, rät zum Abwarten und warnt vor unüberlegtem Handeln. Verzweifelt darüber lässt sich der Jesuit Riccardo Fontana, nachdem er sich demonstrativ einen Judenstern auf die Soutane geheftet hat, aus Rom in ein Vernichtungslager abtransportieren, wo er, jeden Rettungsversuch ablehnend, mit der unbeantworteten Frage „Warum lässt Gott das zu?“ in den Tod geht. Kurt Gerstein wird am Kriegsende von den Alliierten verhaftet, und als er in seiner Anklageschrift von der Widersprüchlichkeit seines Verhaltens und den von ihm vertretenen Grundsätzen christlicher Nächstenliebe liest, tötet er sich selbst.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Stellvertreter, Der

  1. Manni

    Ein wichtiger FilmLiebe Lleute, die Schauspieler sind gut, das Thema ist immer noch sehr wichtig. Schon allein deshalb hätte der Film ein paar Punkte mehr verdient. Ansonsten bleibt so…

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*