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Jan 2013
28
„Stationspiraten“ von Mike Schaerer

Eine etwas andere „Filmkarriere“. Die Walt Disney Studios geben 2009 das Drehbuch des spanischen Trios Antonio Mercero, Ignacio Del Moral und Albert Espinosa zu ihrem mehrfach ausgezeichneten (auf den Festivals in Montreal, Málaga, Hamburg) Film „Planta 4a“ (2003) für eine Schweizer Bearbeitung frei. Der Schweizer Jürgen Ladenburger („Tell“), der das Drehbuch nur leicht verändert, stirbt Ende 2009 im Alter von 53 Jahren an einer Lungenentzündung. Aus den fünf Freunden im Original Miguel, Izan, Dani, Jorge und Francis auf einer Krebsstation in einer spanischen Kinderklinik werden Kevin, Benji, Michi, Jonas und Sascha auf der Onkologie einer Kinderklinik in der Schweiz. Der Regisseur der schweizerdeutschen Version, Mike Schaerer, schont das angepeilte junge Publikum noch weniger mit der Darstellung der Schwere der Krankheit: Die kahlgeschorenen Jungen übergeben sich, spucken Blut, versuchen mit Beinprothesen neu laufen zu lernen, verzweifeln an der Aussicht auf einen tödlichen Verlauf der Krankheit und müssen ihre Träume von einer Fußballer- bzw. Piloten-Karriere begraben. Zwangsläufig kommt es oft zu Streit – bis hin zu Selbstmordgedanken.

Dennoch gelingt Mike Schaerer das fast Unmögliche: Mit seinem Spielfilmdebüt formt er kein bleischweres Krebsdrama á la „Halt auf freier Strecke“, er kreiert vielmehr auch Dank der überzeugenden Leistungen seiner Darsteller einen zutiefst lebensbejahenden Coming-Of-Age-Film. Mike Schaerers „Stationspiraten“ gewinnt den Publikumspreis auf dem 6. Zürich Filmfestival, der Film kommt am 04.11.2010 in die Schweizer Kinos und nach herausragenden Kritiken mehr als zwei Jahre später am 17. Januar 2013 auch auf einige deutsche Leinwände – obwohl längst als DVD erhältlich. Warum ist die Auflistung der Stationen so wichtig? Weil sie Mut beweist. Den Mut aller Verantwortlichen, sich eines derart schwierigen Stoffes anzunehmen, ihn für ein junges Publikum umzusetzen und an eine Sache zu glauben. Wie die Protagonisten im Film.

Im Film von Mike Schaerer sind dies fünf junge Patienten, deren Leben sich unfreiwillig auf einer Krebsstation kreuzen. Sie heissen Michi (Max Hubacher), Jonas (Elia Robert), Benji (Vincent Furrer), Kevin (Scherwin Amini) und Sascha (Nicolas Hugentobler). Sie sind zwischen zehn und achtzehn Jahre alt und teilen sich auf der onkologischen Station jeweils ein Doppelzimmer. Vier von ihnen haben Krebs in unterschiedlichen Stadien, der fünfte, der wenig später dazu kommt, wartet auf seine Diagnose. Jeder versucht auf seine Weise mit der belastenden Situation zurecht zu kommen. Dennoch gibt es auch viele gemeinsame Momente: Ein Rollstuhl-Rennen, eine Nacht mit Bier und Zigaretten oder ein Erinnerungsfoto mit dem Kernspintomographen – bisweilen verbreitet „Stationspiraten“ die Unbeschwertheit eines Jugendfilms, in dem auch kleine Verliebtheiten oder die Sorge, als Jungfrau zu sterben, nicht fehlen dürfen. Ihre Freundschaft und Bereitschaft zur Aufmunterung helfen allen, sich mit der Tatsache abzufinden.

Wer – wie gesagt – bei diesem mutigen Plot ein bleischweres Drama á la „Halt auf freier Strecke“ erwartet, der liegt völlig falsch. Mike Schaerer gelingt die schwierige Gratwanderung zwischen Tragik und Komik, sein grandios besetztes Spielfilmdebüt ist eines der berührendsten, weil klischeebefreiten sowie einfühlsamsten Filme zum Thema. Nicht verpassen!

  



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