KRITIK

Star Wars VII – Das Erwachen der Macht

Bild (c) Walt Disney Studios Motion Picture Germany.

Bild (c) Walt Disney Studios Motion Picture Germany.

Geschichte wiederholt sich. Oder sind es doch nur ihre Lehren daraus? Wer in den späten 60ern, 70ern oder frühen 80ern geboren wurde, dessen Kindheit dürfte sicherlich von Filmfiguren wie Luke Skywalker oder Han Solo beeinflusst gewesen sein. Mastermind George Lucas erzählte ab 1978 in drei epischen, aufeinander folgenden Sci-Fi-Abenteuern die Geschichte von eben diesem Menschensohn mit Namen Luke Skywalker. Es ist die Geschichte einer Geburt, oder vielmehr die eines Reifeprozesses. Und zwar mit Merkmalen, die in der Geschichte schon einmal aufgetaucht waren: Im „Buch der Bücher“, der Bibel, die sogar diese Messiasfigur wesentlich dezidierter beschreibt: mit einem Vater, der nicht bekannt ist, in Zeiten einer politischen Wende, die in der Errichtung eines bösen Kaiserreiches kulminieren sollte gegen das sich schließlich eine kleine Schar Aufständischer erhebt. Absicht?

Ja, die Macht war stark in George Lucas. Seine drei Filme über diese Geschichte, namentlich „Krieg der Sterne“ (1978), „Das Imperium schlägt zurück“ (1980) und „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983), sind zu einer Art postmodernem Mythos geworden, für viele gar zu einer Art „Ersatzreligion“. Also hatte Lucas nur die richtigen Lehren gezogen? In seinem Showdown integrer Individuen gegen eine elitäre Vereinigung von dunklen Gestalten unter Führung eines außerwählten Menschensohns hatten Verrat und Verleumdung keinen Platz. Vielmehr erfand Lucas eine neue Macht, die allgegenwärtig ist, friedliebend, beschützend. Eine Macht, die in jedem von uns stecken kann. Die andere, die dunkle Seite der Macht hingegen war das Böse, das Zerstörende.

Star Wars: The Force Awakens Ph: Film Frame ©Lucasfilm 2015Als Lucas zwanzig Jahre nach seiner erfolgreichen Erlösergeschichte die Macht in sich noch einmal weckte, um die Vorgeschichte des Erlösers Luke Skywalker zu erzählen, und zwar die seines Vaters Anakin, da hatte er die falschen Lehren aus seiner (Erfolgs)Geschichte gezogen. Die so genannten Prequels, die Teile I bis III, einschließlich der Komponenten Verrat und verschmähte Liebe, mit Figuren, die sich dem Publikum anbiederten (Jar Jar Binks), wurden vom Fantum weit weniger euphorisch aufgenommen. An den Vorgeschichten stimmte vieles nicht: die unpassende Besetzung (der unbekannte Kanadier Hayden Christensen sollte gelehriger Schüler und bösartiger Verführer sein), die falschen Kämpfe und die undurchsichtigen Allianzen. Nein, der schlichte, christliche Kampf Gut gegen Böse, das weltliche Abbild der Religiösität als zentrale Werteinstanz, war zu unübersichtlich geworden.

Zurück zu den Anfängen also. Als 2012 Mastermind George Lucas die Rechte an seiner Erfolgssaga für vier Milliarden US-Dollar an Disney verkaufte, unkten zahreiche Star-Warsianer, Lucas wäre zur dunklen Seite der Macht übergetreten. Dabei hatte Lucas nach seiner Enttäuschung über die drei Prequels diesmal nur die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen: Er hat sich (oder vielmehr sein Vermächtnis) geopfert. Inwieweit diese Geste christliche Motive hatte, ist nicht bekannt. Rückblickend auf die christlichen Bezüge seiner Weltraum-Saga sind sie jedoch absolut nachvollziehbar. Und mehr noch: Auf den einen wahren Erlöser zu hoffen, diese Lehre hat sich mittlerweile als falsch erwiesen. Nun war die Zeit reif, die Kraft in uns selbst, in jedem einzelnen von uns zu suchen. Und Lawrence Kasdan, Drehbuchautor der einst neu betitelten Episoden V (1980) und VI (1983), wurde beauftragt, die passende Geschichte dafür zu liefern.

Szene_Star_Wars_7_1Kasdan, inzwischen 66 Jahre alt, holte sich mit Michael Arndt („Little Miss Sunshine“, „Toy Story 3“) junge Unterstützung an Bord des Mega-Projektes von Disney. Und schrieb zusammen mit Regisseur J.J. Abrams („Lost“, „Armageddon“, „Mission Impossible 3“) eine Geschichte, die nur 30 Jahre nach den verlustbringenden Kämpfen von „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983) ansetzt. Das hieß bereits im Vorfeld, dass fast alle (noch lebenden) Darsteller der inzwischen über 32 Jahre alten Episode VI noch einmal auftreten würden. Zusammen mit einer noch nie zuvor erlebten Geheimniskrämerei und clever eingefädelten (Merchandising- und Werbe-)Aktionen entstand so beim Publikum lange vor Filmstart eine Neugierde, eine Faszination, die viele Fans, Nerds und auch Kritiker zu den Worten „endlich“ oder „lang ersehnt“ verleiten und die Kinokassen in nie zuvor gekannten Ausmaßen klingeln ließen. Allein in der 300.000 Einwohner zählenden Studentenstadt Münster wurden noch vor der ersten Ausstrahlung und ohne Kentnisse der genauen Geschichte über 11.000 Kinokarten für „Star Wars VII – Das Erwachen der Macht“ verkauft. Deutschlandweit sollen über 500.000 Tickets abgesetzt worden sein – wie gesagt, ohne Kentnisse des Inhaltes, weil zudem sämtliche Pressevorführungen erst drei Tage vor Filmstart stattfanden.

Mit dem bekannten Lauftext – einst von Brian de Palma erdacht, um einen perfekten Einstieg in das Geschehen zu ermöglichen – beginnt auch Episode VII. Zusammen mit der Gänsehaut-evozierenden Fanfare von John Williams wird die Geschichte intoniert mit den Worten: „In einer weit entfernten Galaxie“ … sind nun die legendären Jedi-Ritter für eine neue Generation von Weltraumbewohnern zum Märchen geworden. Die dunkle Seite der Macht jedoch, die einst von Darth Vader und seinem Imperium vertreten wurde, gewinnt mehr und mehr an Kraft. Und zwar in Form einer neuen „First Order“, einer Ersten Order, die die Aufgabe hat, den verschwundenen Luke Skywalker zu finden – um ihn zu töten und den Jedi-Mythos ein für alle Male zu zerstören.

Szene_Star_wars_7_2Einen wichtigen Hinweis auf Skywalkers Aufenthaltsort besitzt ein kleiner Roboter-Druide BB-8, der lediglich aus zwei magnetisch miteinander verbundenen Teilen besteht (und sicherlich zu einem der meist verkauften Spielzeuge aus dem umfangreichen Sammelsurium rund um das neue Star Wars Abenteuer werden dürfte. Siehe unten!). Als dem jungen Deserteur der Sturmtruppen, Finn (John Boyega), zusammen mit dem tollkühnen Piloten Poe Cameron (Oscar Isaac) die Flucht aus ihrer Gefangenschaft gelingt, landen sie ausgerechnet auf einem Wüstenplaneten, auf dem die junge Rey (Daisy Ridley) als Sklavin gehalten wird. Während der Pilot Poe (Oscar Isaac) plötzlich verschwunden ist, rettet der unerfahrene Deserteur Finn der jungen Plünderin Rey bei einer Auseinandersetzung das Leben.

Beide fliehen im bekannten „Schwarzen Falken“ (eines Weltraumabenteuerers namens Han Solo), weil die Sturmtruppen unter der Führung des jungen Kylo Ren (Adam Driver) den Abtrünnigen bereits auf den Fersen sind. Was beide nicht wissen, ist, dass General Kylo Ren scharf auf eine Karte ist, die den Aufenthaltsort von Luke Skywalker zeigen soll.
Und diese Karte wurde im Druiden BB-8 versteckt, der sich der jungen Sklavin angeschlossen hatte.

Das ungleiche Trio trifft nun wenig später auf Han Solo (ja, Harrison Ford!) und Chewie. Und zusammen bricht die zum Team angewachsene Gruppe auf zu einem geheimen Stützpunkt der Resistance, einem Planeten, auf dem sich Prinzessin Leia (ja, Carrie Fischer!) und ihre Widerstandskämpfer befinden sollen. Aber natürlich bleibt das Versteck nicht lange unentdeckt … Weitere Wendungen und Entdeckungen sollen an dieser Stelle aber nicht verraten werden.

Regisseur J.J. Abrams („Lost“, „Star Trek“) hatte die richtigen Lehren gezogen: Ihm gelingt die Gratwanderung zwischen Reminiszenz und Entstaubung der „alten Teile“ sehr eindrucksvoll, in dem er geschickt zahlreiche bekannte Figuren in eine komplett neue, spannende Handlung einbaut. Überhaupt, J.J. Abrams, mit zahlreichen kleinen Einfällen sorgt der 49-jährige Regisseur dafür, dass die Magie, einst mehrmals verteilt von einem visionären Geschichtenerzähler George Lucas, auch in Episode 7 Einzug erhält. So gewinnt natürlich der Druide BB-8 mit seinen allzu menschlichen Verhaltensweisen sofort die Herzen des jüngeren Publikums, während das ältere vom Talent und von der Coolness der jungen Rey gefangen wird. Vor allem die junge, erst 23-jährige Britin Daisy Ridley überzeugt aus einem insgesamt sehr gut besetzten Cast. Sie ist die weibliche Plünderin, die sich immer wieder den Angriffen der bösen Sturmtruppen in den Weg stellt. Völlig unbeeindruckt scheint Ridley von der Last, DIE Lieblingsgeschichte der Postmoderne und die Hoffnung unzähliger Fans auf ihren schmalen Schultern tragen zu müssen.

Zusammen mit noch weitaus beeindruckenderen CGI-Effekten, den neuen 3D-Möglichkeiten, welche die zahlreichen Raumschiffe noch bedrohlicher, Räume noch tiefer und viele Luftkämpfe noch spannender wirken lassen, darf man sich mit „Star Wars VII – Das Erwachen der Macht“ auf ein Sci-Fi-Epos freuen, das zwar keine neuen Standards innerhalb des Genres setzt aber geschickt die Magie der Saga weitertransportiert – im Gewand eines politisch korrekten Gut-gegen-Böse-Abenteuers – mit zahlreichen neuen und vielen bekannten Figuren. Ein fantastischer siebter Teil also, den man nicht verpassen sollte. Somit ist festzustellen, dass auch J.J. Abrams und sein Team die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen haben. Einschließlich einer weiblichen Heldin und zahlreichen nostalgischen Verknüpfungspunkten ohne rührseligem Rückbesinnungs-Kitsch. Freuen wir uns auf die Teile 8 und 9! Der Anfang ist gemacht.

 

Kritikerspiegel Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Antje Wessels
wessels-filmkritik.com
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Filmen im Kino findest Du in unserem Kritikerspiegel.



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