KRITIK

Sprich mit ihr – Hable con ella

Sprich mit ihr - Hable con ella War schon der wirklich großartige letzte Film Almodóvars („Alles über meine Mutter“, 2000) eine Wende hin zu weniger schrillen Tönen, ist sein neuester beinahe schon beherrscht; kaum noch ein Hauch von der prallen, verführerischen Hysterie letzterer Filme wie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1987), „Fessle mich!“ (1989) oder “High Heels” (1991).
Allein schon die den ganzen Film durchlaufenden Streicherklänge seufzen eine andere Oberfläche; doch was darunter ist, ist typisch für den Regisseur, der in all seinen Filmen nach den groben wie feinen, teils unsichtbaren Spuren zwischen den Menschen sucht.
„Sprich mit ihr“ rät Benigno dem distanzierten Marco, der meist nur sich selbst inszeniert, nur von sich erzählt, von dem, was schwer war in seinem Leben. Die beiden Männer, ohne wirklich lebendige Beziehung zu einem du, treffen sich zögerlich; das Freundschaft zu nennen – wie Benigno es tut und wie Marco annimmt, dass das Freundschaft sei – fällt schwer. Es ist eher das Klammern des einen an den anderen, so wie beide sich immer an die Frauen geklammert haben und es über das Filmende hinaus wohl tun: Marco trifft Alicia, die unfreiwillige Geliebte des toten Freundes, und ihrer beider Lächeln deutet auf den hilflosen Verrat der Freundschaft und die Haltlosigkeit des Verliebtseins einer Unschuldigen, Anfang und schon wieder Ende einer neuen Paargeschichte..
Almodóvar setzt wie immer auf gute Schauspieler und wie erwartet ist auch diese Geschichte gut erzählt und routiniert in Bilder übersetzt. Zwar tragen von den Bildern nicht alle und manches erscheint überflüssig, das ohnehin mäßige Erzähltempo unnötig zu bremsen. Und wo die Schnelligkeit der Filme davor noch aufregend war, wirkt das Gebremste hier eher wie ein Bemühen; das Bemühen um die Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod, der Liebe und dem Alleinsein. Das konnten seine Filme vorher auch schon, doch hier klingt das Thema pessimistischer und, weil es wohl zusammengehört, auch der Wirklichkeit näher an: Männer sind monologisierende Egomanen, blind gegenüber sich und dem ersehnten Gegenüber Frau. Männer, die, wenn sie in der Welt, in der Liebe scheitern, sich feige verkriechen im weiblichen Schoß. „Sprich mit ihr“ könnte man so auch als eine Aufforderung betrachten, zu fragen, um verstehen zu lernen. Denn worum es Almodóvar immer geht, ist die Bebilderung des Geheimnisses von dem Stoff, dem Äther, der zwischen uns ist, den Transmittern in dem unendlich weiten Raum zwischen Mann und Frau. Benedikt Kraft



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INHALT

In einer ganzen Reihe von szenischen Auftritten – untertitelte Paarkonstellationen etc. –, monateweiten Sprüngen in die Zukunft und erklärenden Rückblenden in die Vergangenheit, erzählt der Spanier Pedro Almodóvar die Geschichte zweier ganz unterschiedlicher Männer; die des Krankenpflegers Benigno und die des Journalisten Marco.
Beide – der erste ein unbekümmertes, vom Leben noch nicht sonderlich gebeuteltes Muttersöhnchen, der zweite ein sich selbst tragisch-gescheitert-inszenierender Soft-Macho – lernen sich über die Frauen kennen, die den Männern im Augenblick des Lebens alles bzw. viel bedeuten. Alicia, Ballettschülerin, liegt nach einem Unfall seit vier Jahren im Koma und wird von Benigno tagein tagaus gepflegt, doch erst über die Rückblenden wird dem Zuschauer klar, dass er sie liebt. Gegen den unschuldigen Mädchentyp ist Lydia eine selbstbewusst wirkende Frau, anerkannte Stierkämpferin, welche von einem Torro gleichfalls ins Koma geschickt wurde. Im Gegensatz zur willenlosen Alicia, kann sich Lydia vor Koma und Tod noch gegen Marco und für ihre alte Liebe entscheiden.
Der lebensfremde Benigno schwängert schließlich die Dauerschlafende, um sich auf ewig mit ihr zu vereinen. Wegen dieses Missbrauchs muss er für Jahre ins Gefängnis. Die schließlich totgebärende Tänzerin erwacht, Benigno, davon nichts ahnend, befördert sich mit Tabletten ins Koma, um der Geliebten näher zu kommen; sein Koma allerdings ist der Tod. Am Schluss treffen Marco und Alicia im Theater aufeinander und eine neue Paarkonstellation deutet sich an.
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Eure Kritiken zu Sprich mit ihr – Hable con ella

  1. Udo

    Feines,…. leises Melodram über zwei gleiche Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Großartig gespeilt, gewohnt souverän inszeniert von Pedro Almodovar.. klasse..

  2. Iris

    Der FrauenversteherDem Rezensenten dürfte längst klar sein, dass Almodovar ein Frauenversteher ist. Nur darum geht es hier, um den Mann als verlassenes, überflüssiges wesen, gäbe es nicht die Frau. Ein toller Film..

  3. Lars

    ErstaunenImmer wieder werde ich durch Herrn Almodovar in Erstaunen versetzt. Das mag an seiner Sichtweise die Menschen oder besser die Männer und Frauen zu sehen liegen oder an seiner Art Filme zu machen. Dieser ist etwas ruhiger und wie der Rezensent richtig beschreibt zurückhaltender. Aber deshalb noch lange nicht schlechter. Bitte mehr davon…

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