KRITIK

Spotlight

Bild (c) 2016 Paramount Pictures.

Bild (c) 2016 Paramount Pictures.

Es ist der größte Skandal der katholischen Kirche in den USA: Im Jahr 2002 deckte ein investigatives Reporterteam des „Boston Globe“ auf, dass der Missbrauch Tausender Kinder über Jahrzehnte hinweg vertuscht worden war – auch von höchsten Kreisen der Bostoner Erzdiözese. Unter anderem hatte die Kirche Milliarden Dollar an Entschädigungsgeldern gezahlt, um das Stillschweigen der Opfer zu erpressen. 2003 bekamen die Reporter den Pulitzer-Preis.

Regisseur Tom McCarthy („Win Win“) legt dazu nun keine pathetische Anklage vor, keine moralinsaure Dämonisierungsfabel, die das Böse bequem wegsortieren lässt, zur eigenen Gewissensberuhigung. Im Gegenteil, der Film verschweigt nicht, dass der „Boston Globe“ Hinweisen auf den Skandal selbst lange nur halbherzig nachgegangen war. Sehr präzise zeigt er, wie tief die katholische Kirche mit dem kulturellen Leben in Boston verflochten ist, was für ein Tabubruch es gewesen sein muss, gegen sie vorzugehen. Erst als sich der neue Chefredakteur, ein aus Florida zugezogener Jude (toll: Liev Schreiber), den ungeschriebenen Gesetzen im Umgang der Presse mit der Kirche widersetzt, kommt die Sache ins Rollen.

Szene_Spotlight„Spotlight“ konzentriert sich auf die Recherchen der prominent besetzten Reporter. Ausgehend vom Fall eines überführten pädophilen Priesters dringen Robinson (Michael „Birdman“ Keaton), Rezendes (Mark „Hulk“ Ruffalo), Pfeiffer (Rachel McAdams, „Midnight in Paris„) und Bradlee (John Slattery, „Mad Men“) immer tiefer in die Abgründe vor. Und ähnlich wie einst Dustin Hoffman und Robert Redford im Watergate-Film „Die Unbestechlichen“ (1976) von Alan J. Pakula sind sie vorwiegend bei der Arbeit zu sehen: Akten wälzen, Archive durchpflügen, Mikrofilme scannen, das Vertrauen von Anwälten gewinnen, Interviews führen, in Redaktionskonferenzen debattieren.

Tom McCarthys Drama ist auch ein Film über Journalismus als aufwendiges Handwerk vor der Digitalisierung. Eine Untersuchung, die ohne melodramatische Zuspitzungen auskommt, aber trotzdem emotional und spannend bleibt – in Zeiten hysterisierter „Lügenpresse“-Krakeeler ist das Gold wert. Selbst wenn er die sechs Oscars, für die er nominiert ist, nicht bekommen sollte, zählt „Spotlight“ fraglos zu den wichtigsten Filmen dieses Kinojahres. Herausragend.

 

 

Kritikerspiegel Spotlight



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, triggerfish.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 



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