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Spider-Man: Homecoming

Bild (c) 2017 Sony Pictures Germany.

Spider-Man, das ist auch das Ergebnis eines langen Hin-und-Her zwischen dem Sony-Studio, das alle paar Jahre einen neuen Spider-Man-Film produziert, und dem Marvel/Disney-Studio, das den Spinnenmann unbedingt wieder in sein umfangreiches, erzählerisches Universum integrieren will. Am Ende bekommt Sony die Einspielergebnisse und Disney erhält die Merchandise-Rechte.

Welches der beiden Studios letztendlich den besseren Deal gemacht hat, lässt sich mit Sicherheit erst in naher oder ferner Zukunft sagen. Fakt ist, dass „Spider-Man: Homecoming“ in den USA ein Kassenschlager ist. Was allerdings trotz dieser unromantischen Studiopolitik noch mehr überrascht, ist, dass unter der Regie von Jon Watts eine sehr spaßige Teenager-Heldenfantasie entstanden ist, die Peter Parker, seinem Alter Ego und seinem Umfeld einige neue, sehr unterhaltsame Aspekte abgewinnen kann.

Nach seinem ruhmreichen Gastauftritt in „The First Avenger: Civil War“ ist Peter Parker (Tom Holland) sehr erpicht darauf, Schule Schule sein zu lassen und sich dauerhaft den Avengers anzuschließen. Tony Stark/Iron Man (Robert Downey Jr.) und sein mehr als genervter Bodyguard Happy Hogan (Regisseur des ersten „Iron Man„: Jon Favreau) müssen den ungestümen Teenager jedoch zurückhalten, damit er sich und andere nicht in Gefahr bringt. Der abenteuerlustige, junge Held lässt sich allerdings nicht so einfach im Zaum halten. Das liegt vor allem daran, dass Adrian Toomes (Michael Keaton) die Straßen New Yorks mit sehr leistungsstarken Waffen unsicher macht. Diese hat Toomes mithilfe von Alien-Technologie zusammengebastelt, die beim ersten Avengers-Einsatz acht Jahre zuvor quasi vom Himmel gefallen waren.

Ja, es handelt sich um ein erneutes Reboot des Spinnenmannes. Und ja, es handelt sich um eine weitere (der mittlerweile kaum mehr überschaubaren) Comic-Verfilmung(en), die zurzeit den Kinomarkt überfluten. Wer bei dieser Vorstellung schon die Augen verdreht und die Arme verschränkt, wird auch an „Spider-Man: Homecoming“ kaum Freude finden. Alle anderen Gemüter sollten sich köstlich amüsieren, denn Regisseur Watts („Cop Car“) verbindet diesmal Comic-Spektakel mit einer freudigen und humorvollen Highschool-Komödie. Eine der größten Stärken dieser neuen Inkarnation ist, dass sie Action und Umfang des Marvel-Universums auf eine halbwegs überschaubare und eigenständige Geschichte zusammenschrumpft: Anstatt die Welt zu retten, muss „nur“ die Nachbarschaft mit all ihren schrulligen sowie liebenswerten Charakteren beschützt werden. Schon allein das macht die Comic-Adaption um einiges menschlicher als viele andere Marvel- oder DC-Einträge der letzten Jahre.

Die geerdete Ausgangslage spiegelt sich auch in der Wahl der Darsteller wieder. Allen voran Tom Holland, der mit Anfang 20 tatsächlich einem 15jährigen näher kommt, als es Tobey Maguire und Andrew Garfield waren, als SIE die Rollen einst bekamen. Gleichzeitig wirkt Holland nicht wie ein muskulöser Übermensch wie viele seiner Marvel-Kollegen, auch wenn er eine durch seine Erfahrungen als Tänzer in der Bühnenadaption von Billy Elliot und diversen anderen gymnastischen Hobbys eine passende Physis mitbringt. Zusätzlich versprüht er eine nervöse Energie, die nicht so überzogen wirkt wie bei Andrew Garfield, aber dennoch lebhafter ist als die zuweilen sehr zurückhaltende Performance eines Tobey Maguire. Problemlos baut Holland eine charmante Chemie zu seinen ebenfalls charismatischen Co-Stars auf und kann sogar mit Improvisations-Ass Downey Jr. mithalten.

Regisseur Watts nimmt generell einige notwendige Anpassungen vor, um den Cast ein wenig zu modernisieren und Nebencharaktere mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen einzusetzen. In „Spider-Man: Homecoming“ handelt es sich aber nicht um einen leidlichen Versuch, die Besetzung auf Teufel komm raus und politisch möglichst korrekt manigfaltig zu machen. Der Film ist bis in die kleinste Nebenrolle treffend gecastet. Jacob Batalon, der als Parkers bester Freund stets seinen eigenen Status als zweite Geige kommentiert, bestreitet solide eine seiner ersten größeren Rollen. Die junge Sängerin und Tänzerin Zendaya präsentiert sich im besten Ally Sheedy-Look („Breakfast Club“) und hat immer das sarkastische letzte Wort. Komödiantische Darsteller wie Donald Glover, Martin Starr und Stand Up-Comedian Hannibal Buress runden das Paket ab. Marisa Tomei, die (eine erstaunlich junge) Tante May spielen darf, hat weniger zu tun als ihr Talent verdient hätte, hat aber immerhin die besten letzten Worte des bisherigen Kinosommers.

Außerdem verändern die (sage und schreibe) sechs Drehbuchautoren die typische Highschool-Dynamik ein wenig: In „Spider-Man: Homecoming“ werden nicht mehr die geistlosen Muskelprotze gegen die genialen Nerds aufgehetzt, vielmehr wird hier eine Schule präsentiert, die von Intelligenz und Wissensdrang geprägt ist. Auch wenn es immer wieder zu kleinen dramatischen Spannung zwischen den Kids kommt, handelt es sich doch um eine wesentlich interessantere und zeitgemäßere Variante des Biotops Schule.

Wer jetzt denkt, dass es sich hierbei vielleicht um eine John Hughes-Hommage handelt („Ferris macht blau“, „Kevin allein zu Haus“), liegt falsch, denn der Film hat etwa so viel mit John Hughes zu tun wie „The Return of the First Avenger“ mit dem 70er Jahre-Polithriller. Es gibt zwar Anspielungen, ein Kopfnicken in die eine oder andere Richtung, und wer die Zeichen für eine Hommage sehen möchte, wird dies auch tun. Trotzdem ist der Film von einer durchgehend positiven Grundstimmung geprägt.

Obwohl an seinem Talent niemals Zweifel bestand, ist Michael Keaton als Adrian Toomes alias Vulture eine besonders freudige Überraschung. Mit seinem natürlichen Charisma macht er den Bösewicht zu einer gleichzeitig sympathischen und bedrohlichen Figur. Auch als Arbeiterklasse-Gangster, der keine albernen Weltherrschaftsambitionen hat, sondern lieber unterm Radar fliegt, um sich selbst, seine Familie sowie Mitarbeiter durchzufüttern, ist Toomes wesentlich interessanter angelegt als die meisten Marvel-Schurken. Die Action hält sich mehr oder weniger streng an die typischen Comic-Parameter mit ein paar netten Einfällen und Variationen, angemessener Spannung, aber ohne nennenswerte Überraschungen. Aber es ist den Verantwortlichen rund um „Spider-Man: Homecoming“ hoch anzurechnen, dass sie erkannt haben, dass auch ohne großes Spektakel beste Unterhaltung möglich ist.

Das Spider-Man-Abenteuer unter Jon Watts steckt zudem voller kleiner wunderbar-witziger Einfälle, so etwa ein völlig apathischer Sportlehrer, eine Schüler-Newssendung, die ständig im Hintergrund des Geschehens aber unabhängig vom Plot läuft und herrlich ungelenk daher kommt. Auch wenn sich der Film hin und wieder zu gerne an das Marvel-Gesamtuniversum lehnt, holt John Watts seinen Helden immer wieder schnell genug auf den Boden zurück. Ein Superheldenfilm ohne Bombast also, der einfach nur Spaß und Freude macht.

 

 

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