KRITIK

Soul Kitchen

Soul Kitchen „Mich interessiert das Erfolgsgeheimnis der Filme von Fatih. Kann mir da jemand helfen?“ fragte ein sichtlich beeindruckter WDR-Radiomoderator nach der Vorführung das versammelte Hauptdarsteller-Quartett auf der NRW-Premiere. Die gut aufgelegten Darsteller reagieren jedoch anders als erwartet: Vornehme Zuückhaltung. Schweigen. Achselzucken. Auch der anwesende Regisseur selbst wusste oder wollte keine Antwort (geben). „Vielleicht gebe ich mir die Antwort selbst“ versuchte der Moderator die Stille zu überbrücken. „Der europaweite Erfolg der Filme (Akin´s Film `Gegen die Wand` war bester europäischer Film des Jahres 2006) liegt vielleicht auch darin, dass es Fatih Akin wie kein zweiter in Deutschland schafft, verschiedene Kulturen vor und hinter der Kamera zusammenzuführen. Seine Filme sind keine Culture-Clash Komödien im schlechten Sinne, es sind Multi-Kulti-Filme im besten Sinne.

Bevor es zu gesellschaftspolitisch wurde, ergriff an dieser Stelle der Angesprochene selbst das Wort und brachte es auf den Punkt. „Ich liebe Filme und ich bin ja auch ein Musikfan und manchmal sogar DJ. Ich mag Rap – den Old-School selbstverständlich. Und wie alle DJs mixe ich zusammen, was ich kenne. Beim Filmemachen ist das genauso. Hier in `Soul Kitchen` ist es ein wenig `Nordsee ist Mordsee` (Anm. d. A.: Hark Bohm, 1973), `Rocker` (Klaus Lemke, 1972), ein wenig Scorsese und gaanz viel Soul.“ Dem ist in diesem Punkt nichts mehr hinzuzufügen.

„Soul Kitchen“ ist ein Heimatfilm. Und die Heimat ist bedroht. Nicht nur durch die Wahl der Schauplätze wird dies hier deutlich. Seele und Ausgangspunkt ist die titelgebende Imbissbude in einer alten Wilhelmsburger Fabrikhalle. Wilhelmsburg ist ein sog. „Problemstadtteil“ in Hamburg. Wenn ein Ort Seele hat, dann ist es kein Ort mit einem Nobelrestaurant oder ein klinisch reiner Ort, sondern ein Ort, der ein langes Leben hinter sich hat. Die Fabrikhalle im Film ist ein wunderbar in Szene gesetzter Filmschauplatz, wie geschaffen für die glaubwürdige Handlung eines kleinen Mannes mit großen Träumen.

Dieser (natürlich sympathische) kleine Mann ist der Deutsch-Grieche Zinos (Fatih Akin Freund Adam Bousdoukos), der sich als Besitzer seines Soul-Kitchens mehr schlecht als recht durchschlägt. Und wenn die Bezahlung auch mal nicht pünktlich zum ersten des Monats überwiesen wird, seine (natürlich sympathischen) Angestellten verzeihen es ihm, denn sie arbeiten gerne für ihren Chef. Zino ist Chef und Koch zugleich. Das Essen ist zwar mies, aber dabei so bodenständig, wie das proletarische Klientel, das sich nicht daran stört. Als seine gleichermaßen blond wie groß und hübsche Freundin Nadine (Pheline Roggan) ihre beruflichen Träume als Auslandskorrespondentin in Shanghai verwirklichen will und einen längeren Aufenthalt in Asien plant, gerät Zinos in einen schweren Gewissenskonflikt. Einerseits will er seiner großen Liebe folgen, kann es aber nicht, weil er zum einen an seinem Soul Kitchen hängt und weil ihn zum anderen die finanziellen Mittel fehlen.

Neben der Heimat scheint also auch das Konzept fürs Leben bedroht. Und es kommt noch dicker. Zinos kleinkrimineller Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) steht nach einem längeren Knastaufenthalt plötzlich vor der Tür und fordert einen Job. Genauso plötzlich taucht sein alter Schulkollege und jetzige Immobilienhai Neumann (Wotan Wilke Möhring) auf, der großes Interesse an Zinos Gebäude zeigt und last but not least steht das Finanzamt in Person einer attraktiven Beamtin in der Tür. Bei so vielen Rückschlägen liegt eine Flucht auf der Hand. Hier ist es nicht die Flucht nach vorn, sondern die aus der Heimat. Das Flugticket nach Shanghai ist bestellt. Und die Sehnsucht zur Freundin ist groß. Aber natürlich kommt es anders und zweitens…… Freunde und Mitarbeiter raufen sich zusammen und packen mit an. Dank einer neuen Geschäftsidee, die aus einer Mischung aus heißer Musik und gutem Essen (inkl. neuem Koch) besteht, gelingt der Sprung in die Charts.

Was also tun? Lebenswerk oder große Liebe? Zinos entschließt sich zur Reise. Er überschreibt sein Lokal dem leichtsinnigen und untalentierten Bruder Illias. Natürlich mit fatalen Folgen, wie sich bald herausstellt.

Soul Kitchen ist eine Herzensangelegenheit. Und das merkt man dem Film an. Die Idee zu dieser Komödie geisterte dem deutsch-türkischen Filmemacher bereits nach seinem Welterfolg Gegen die Wand (2004) im Kopf herum, wurde dann aber wegen des großen Erfolges mit dem Drama und ernsterer Ambitionen zurückgestellt. Jetzt scheint der richtige Zeitpunkt gekommen. Akin vertraut seinen bekannten Darstellern, die in harmonischer Atmosphäre Gags im Minutentakt generieren. Die Figuren sind skurril bis spleenig, beweisen dabei aber zugleich genügend Bodenhaftung. Wie gut, dass Best-Friend, Gastronom und Hauptdarsteller Adam Bousdoukos selbst zehn Jahre eine Taverne besaß und seiner Figur damit selbst als Vorbild dienen konnte. Der Sympathieträger überzeugt auch in dieser Rolle.

Ein erfahrener Regisseur mit dem Händchen für´s richtige Timing, der beste Freund in der Hauptrolle, glaubhafte und überzeugende Charaktere, die Lieblingsmusik, die bekannten Schauplätze in der Heimat… macht SummaSumarum eine große Party der Fatih-Akin-Clique. Ein „Große-Jungs-Film“ mit Milieuunterbau, der Billy-Wilder und andere (oben erwähnte) Vorbilder zitiert, ein wenig Tarantino-Duft atmet und… rockt wie Hölle. `Ich darf das, also sag ich das!`



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Kneipenbesitzer Zinos ist vom Pech verfolgt: erst zieht seine Freundin Nadine für einen neuen Job nach Shanghai, dann erleidet er einen Bandscheibenvorfall. Als er in seiner Not den exzentrischen Spitzenkoch Shayn engagiert, bleiben auf einmal auch noch die ohnehin schon wenigen Stammgäste aus. Und als wäre das nicht schon genug, taucht auch noch sein leicht krimineller Bruder Illias auf und bittet ihn um Hilfe. Während Zinos noch überlegt, wie er den Laden los wird, um Nadine nach China folgen zu können, locken Musik und die ausgefallene Speisekarte immer mehr Szenepublikum an. Das „Soul Kitchen“ rockt und boomt wie nie zuvor. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Soul Kitchen

  1. RobbyTobby

    Ein super Gute-Laune-Film. Auch mit der ganzen Familie empfehlenswert. Nicht verpassen!

  2. nina

    Hier und da übertreibt Akin ein wenig. Aber das sei ihm verziehen. Die Stimmung ist meisterlich und die Gags gelingen. Moritz Bleibtreu ist seine Rolle wie auf den Leib geschrieben. Die Harmonie im Team ist deutlich spürbar. Feelgood zum Jahresende!

  3. FrankSchulz

    Ein wunderbarer Film, tolle Unterhaltung, grossartige Darstelle. Ein Gute-Laune-Film, nicht verpassen!

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*