KRITIK

Son of Saul

Plakat_SonOfSaulWie ein Film aussehen könnte, der vom Unvorstellbarsten handelt, vom Holocaust, darüber gehen die Entwürfe auseinander. Von Claude Lanzmanns Jahrhundert-Doku „Shoah“, die nur auf Zeitzeugen setzte, bis zu „Schindlers Liste“, der von sechs Millionen ermordeten Juden über die Rettung von wenigen erzählte, Ansätze gibt es viele. Der ungarische Regisseur László Nemes wagt sich in seinem mit dem Oscar ausgezeichneten (und von Lanzmann emphatisch gelobten) Debüt nun mitten hinein in die Todesmaschinerie eines Vernichtungslagers, das Auschwitz sein könnte, ist sich dabei aber der Fallstricke bewusst: Die subjektive Perspektive seines Protagonisten Saul Ausländer (Géza Röhrig) wird nie verlassen, die Kamera klebt an seinem Gesicht oder nimmt seinen Blickwinkel ein, ein Großteil des Geschehens, auch des unsäglichsten, findet im Off, in der Unschärfe oder am Bildrand statt.

Das 4:3-Bildformat hilft dabei, all das zu unterschlagen, was an den Leinwandrändern sonst zu sehen wäre. Saul gehört zu einem „Sonderkommando“, also zu jenen Juden, die der SS in den Lagern zur Hand gehen mussten. An seiner Seite wird der Zuschauer auf eine Tour durch das Vernichtungswesen mitgenommen: Deportierte kommen an, werden in die Gaskammern geführt und tot wieder her­ausgetragen. Szene_Son-of-SaulEs wird geschleppt, gesäubert, verbrannt, geschossen. Saul verrichtet sein Tagwerk mit der peinvoll distanzierten Miene eines Mannes, der zum Assistenten dieser Barbarei gezwungen wurde. Als er sich in den Kopf setzt, einem toten Jungen, den er für seinen Sohn hält, ein jüdisches Begräbnis zukommen zu lassen, zeigt das den Versuch, ein Restmaß an Menschlichkeit aufrechtzuerhalten. Es macht freilich den Film, der auf übliche Melodram-Motive konsequent verzichtet, nicht weniger schwer erträglich.

Hat Nemes – trotz der formalen Distanzwahrung – also doch nur eine Geisterbahnfahrt durch den Holocaust gedreht? Man kann Gründe finden, das zu bejahen oder aber vehement zu verneinen. Entertainment ist dies jedenfalls nicht. Im Gegenteil, „Son of Saul“ beeindruckt, weil er die Debatte neu befeuert: über die Darstellbarkeit des Unzeigbaren, über das Konsumierbarmachen des Schreckens. Herausragend.

 

 

 



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