KRITIK

Sommer vorm Balkon

Sommer vorm Balkon Hinter den Fenstern deutscher Zweckbauten ereignen sich Tag für Tag dramatische Szenen. Da bewirbt sich beispielsweise eine Frau um die Vierzig im Vorstellungsgespräch um einen lausigen Job als Schaufensterdekorateurin, wobei ein Blick auf ihre nervös verknoteten Finger genügt, um sicher zu sein, dass sie die Sache vermasseln wird. Und nicht zum ersten Mal. Katrin (Inka Friedrich), wie die Kandidatin heißt, gerät schnell ins Stammeln und besitzt kein bisschen Selbstvertrauen. Immerhin lehnt sie den angebotenen Cognac zum Kaffee ab – klassische Alkoholiker-Testfalle –, was auch der Leiter des Trainingseminars für Arbeitssuchende tröstend hervorhebt, in dem Katrin unter lauter schwer vermittelbaren Menschen sitzt und sich im Ernstfallspiel auf Markttauglichkeit trimmen lässt. Kleine Frau, was nun?

Ein wundervoll doppelbödiger Beginn einer berührenden Geschichte. Andreas Dresen ist einer der wenigen deutschen Regisseure, denen solche Alltagsgrotesken aus dem Verliererland nicht zur Karikaturenrevue geraten. Und in Wolfgang Kohlhaase hat er einen Drehbuchautor gewonnen, der mit seiner lakonisch-proletarischen Schnodder-Prosa schon zu den Glanzzeiten der DEFA beitrug, der in herrlich unverschämten Jugendfilmen wie „Berlin um die Ecke“ mit dem italienischen Neorealismus gleichzog und seitdem nichts von seiner Scharfsicht verloren hat. Dresen, der Mann mit dem dokumentarischen Blick, und Kohlhaase, der Milieukenner ohne Schnörkel, erzählen in „Sommer vorm Balkon“ von einer Frauenfreundschaft.

Katrin, die einen Sohn, keinen Mann und keine Arbeit hat, betrinkt sich allabendlich mit Nachbarin Nike (Nadja Uhl), die Altenpflegerin und ebenfalls Single ist. Die beiden Prenzlauer-Berg-Kumpaninnen sitzen auf dem Balkon, treiben Späße und reden über Sex und die Welt. Ein solidarisches Kleinbürgeridyll, das erst getrübt wird, als der Lastwagenfahrer Ronald (Andreas Schmidt) in beider Leben poltert. Der Macho-Platzhirsch mit Porno-Allüren und Gürtellinien-Horizont beginnt eine Affäre mit Nike, was bei Katrin Verlustängste schürt und ihren ohnehin maßlosen Alkoholkonsum befeuert.

Ja, mit den Männern beginnen die Probleme, was leider auch für diesen Film gilt. Inka Friedrich glänzt als innerlich zerrissene, torschlussgeängstigte Sozialnetz-Artistin; die ungemein wandlungsfähige Nadja Uhl ist als ungerührte Altenpflegerin im String-Tanga eine Wucht, aber Andreas Schmidt setzt sich als Ronald zwischen alle Charakter-Stühle und muss in erster Linie Idioten-Sprüche klopfen. Sei’s drum, es schmälert nicht das Vergnügen an Dresens tragikomischer, lebenspraller Heldinnen-von-nebenan-Fabel, an einer Geschichte, wie sie sich auf jedem Balkon in jeder großen Stadt abspielen könnte.



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INHALT

Wenn im heißen Berliner Sommer der Tag zur Neige geht, sitzen die Freundinnen, Singles und Nachbarinnen Nike und Katrin gern bis tief in die Nacht auf dem Balkon. Dabei trinken etwas zu viel und treiben beispielsweise unbeschwerten Schabernack mit dem gegenüber arbeitenden Apotheker. Das sind Momente des Glücks! Katrin, die arbeitslose Mutter eines Zwölfjährigen, fürchtet, bald zu alt für Jobsuche und Beziehungsmarkt zu sein. Nike dagegen scheint in Trucker Ronald gerade den idealen Typ gefunden zu haben. Nike stürzt sich in die neue Beziehung und merkt fast zu spät, dass ihre Freundin Katrin in eine Krise stürzt.
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Eure Kritiken zu Sommer vorm Balkon

  1. Colonia

    „Willenbrock“ war großes Kino, „Herr Wichmann von der CDU“ war entlarvend, „Halbe Treppe“ innovativ, „Die Polizistin“ tiefe Einblicke gewährend.

    All das ist Andreas Dresens neuestes Kinowerk „Sommer vorm Balkon“ nicht.

    Es ist so, als wäre Dresen, sobald er sich von der Provinz mit all seinen illustren Figuren in die Großstadt wagt, nur noch halb so gut. Das war schon bei „Nachtgestalten“ der Fall.

    Damit liegt Dresen in puncto Unterhaltungswert, Figurenzeichnung und Schauspielerführung immer noch kilometerweit über dem sonstigen Kinodurchschnitt. Und so hat auch „Sommer vorm Balkon“ natürlich seine Stärken: Tolle, zum Großteil unverbrauchte, Darsteller, Authentizität und einige irre komische Momente. Aber auf der anderen Seite zerfasert die ohnehin etwas dünne Geschichte sehr stark. Sie wirkt beliebig und geht als Momentaufnahme des Lebens zweier Großstadtfrauen gerade so durch. Es sind kleine Geschichten von kleinen Leuten, leider irgendwie belanglos.

    Nett, dass auch „Sommer …“ nicht ohne Axel Prahl auskommen muss.

    Fazit: Nicht eben Dresens stärkster Film.

    http://www.dieregina.de

  2. Udo

    MeisterhaftMeisterhaft wie hier Andreas Dresen einmal mehr der Spagat zwischen bitterer Alltagsrealität und herzerwärmender Komik gelingt. Beide Hauptdarstellerinnen sind in ihrer Art einzigartig. Ein Film, der trotz aller bitteren Hartz IV Härte das Herz erwärmt. Solche guten deutschen Filme wünscht man(n) sich öfter.

  3. tine

    verdammt nah …. ist mir der film gegangen, obwohl ich ihn grossartig fand bin ich eher deprimiert nach hause gegangen … wie das halt manchmal so ist, wenn man sich mit der realität auseinander setzt. toll, nah, echt und manchmal durchaus lustig …

  4. nina

    uffzja, so ählich ging es mir auch. von einem film, der als komödie angekündigt wird, hab ich etwas anderes erwartet. trotzdem war ich positiv berrascht. alles ist so echt – ein ausblickreicheres ende wäre dennoch nett gewesen…

  5. Linde

    Bin durch die teilweise schon euphorisch zu nennenden Kritiken in den Medien auf den Film aufmerksam geworden und hab ihn mir am Wochenende angeschaut. Die Geschichte war nett und unterhaltsam, die Schauspieler sind glaube ich fast alle eher unbekannt, haben ihre Sache aber sehr gut gemacht und die Inszenierung, Regie und die Filmdialoge haben meiner Meinung nach eine glatte Eins verdient. So ist es unterm Strich ein unterhaltsamer Kinobesuch gewesen und ich kann „Sommer vorm Balkon“ deshalb weiterempfehlen…!!!!

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