KRITIK

Snowman´s Land

Snowman´s Land Walter hat Scheiße gebaut. Das darf ihm als Auftragskiller nicht passieren. Und er weiß das. Aber danach gleich panisch oder ängstlich werden? Nicht sein Ding. Dafür ist er schon zu lange im Geschäft. Er kennt die Konsequenzen. Sein Auftraggeber verordnet ihm „einige Wochen Pause“. „Walter, Du kennst doch den ganzen Quatsch, die Bullen stöbern überall rum und besuchen jeden, der hier rumhängt.“ „Urlaub?“, fragt sich Walter. Gerne. Nur von welchem Geld? Als ihm sein alter Kumpel Harry einen Job bei Berger im Osten anbietet, zögert Walter zunächst. Denn Unterweltboss Berger gilt seit Jahren als verschollen. Andererseits sind die Aussichten auf eine schöne Woche im Schnee und einen einfachen Job zu lukrativ, als dass man einem alten Kollegen dieses Angebot ausschlagen könnte.

Auftragskiller? Kollegen? Bereits in den ersten Minuten von Thomasz Thomsons´ Krimikomödie wird deutlich, um was es geht. Oder vielmehr, um was es nicht geht. Zumindest für diejenigen, die eine „klassische deutsche Krimikomödie“ im Stile von „Bang Boom Bang“ (D, 1999) oder „Knocking on Heaven`s Door“ (1997) erwarten. Angefangen beim Hauptdarsteller. Walter, herausragend verkörpert von Jürgen Rissmann ist eher der lakonische Charakter. Ein Auftragskiller, der nicht viele Worte macht und direkt aus einem Aki Kaurismäki Film entsprungen zu sein scheint. Walter ist alles andere als der Knallcharge vom Dienst wie einst Keek bei Peter Thorwart oder Henk und Abdul bei Thomas Jahn. Jürgen Risse drückt seinem Walter einen ungepflegten, langhaarigen Auftragskiller-Stempel auf. Roh, eiskalt und glaubhaft, weit ab von beispielsweise einem ganz anderen Kollegen, der zur Zeit sein Unwesen auf deutschen Leinwänden treibt, Anton Corbijns Jack in „The American“, gespielt von George Clooney, der seiner Figur nicht nur sein perfektes Aussehen leiht.

Auch Kameraführung, Tempo und Schnitt verhalten sich diametral zur Erwartungshaltung der Krimi-erfahrenen Zuschauer. Beim Zappen durchs Fernsehprogramm beispielsweise steht die Kamera nicht wie sonst üblich hinter der Person, bei Thomasz Thomson steht sie an der rechten unteren Ecke des Bildschirms. Kleine Details versorgen das Publikum mit sehr angenehmen Überraschungen. Thomson, der an der Filmhochschule in Lodz studierte, hat nicht nur das Drehbuch zu dieser kammerspielartigen Krimikomödie verfasst, sondern seinen Film auch selbst geschnitten. Bewusst reduzierte er das Tempo durch lange Einstellungen und lange Kamerafahrten, beispielsweise bei Fahrten durch Flure und Hotelzimmer. Ganz im Sinne seines lakonischen Hauptdarstellers.

Als Walter wenig später auf der Fahrt zu seinem Auftrag in den eisigen Osten (gedreht wurde im Schwarzwald im Winter 2008/2009) auf den naiven und labilen Kollegen Micky (Thomas Wodianka) trifft, bekommt das Kammerspiel eine zusätzliche Note, hin zu einem unterhaltsamen, kammerspielartigen Buddy-Movie. Thomas Wodianka nimmt mit seinem überzeugend überdrehten Schauspiel die Erwartungshaltung der Zuschauer wieder auf, denn Micky ist die Figur, nach der man sich in deutschen Krimi-Komödien sehnt. Ein idealer Konterpart zur Lakonie des Hauptdarstellers und Ich-Erzählers Walter. Micky ist jung, hungrig und „voll professionell, ey“!

Seinem gegensätzlichen Duo gibt Thomson Dialoge mit auf die Reise, die von schwarzem Humor nur so triefen. Kurze, prägnante One-Liner schneiden sich wie Rasierklingenschnitte in die eisige Landschaft. Damit die Zuschauer im Saal bei dieser Eiseskälte keine kalten Füße bekommen, auch, weil die weitere Handlung wie eine schwarzhumorige Comedy-Light-Version von Stanley Kubricks „Shining“ anmutet, schaltet Thomson einen „allwissenden Erzähler“ aus dem Off dazu, der mit kleinen Animationsfilmchen das immer blutiger werdende Geschehen ein wenig auflockert.

Die Dramaturgie nimmt an Fahrt auf. Erst nachdem im letzten Drittel die Handlung von „Snowman´s Land“ ein paar Haken schlägt, die nicht nötig gewesen wären, begibt sich die so andere deutsche Krimikomödie von Thomasz Thomson wieder auf gewohnte Genre-Fade. In einer „Zehn-kleine-Kleinkriminelle“-Abzählreim-Form verabschieden sich die Darsteller einer nach dem anderen und die mehr oder weniger absurden Situationen gipfeln in einem leicht psychedelischen Finale. Bleibt zum Schluss die Frage: Was kommt vom Regisseur wohl als nächstes? Auf jeden Fall darf man sich als Krimifan nach diesem erfrischen anderen Streich schon auf den nächsten Thomson-Streich freuen.



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INHALT

Walter ist Auftragskiller. Nach einem verpatzten Job bekommt er von einem alten Kollegen ein lukratives Angebot: Der ehemalige Unterweltboss Berger hat einen einfachen Job zu vergeben. Doch Walter zögert. Denn der gefürchtete Berger lebt seit Jahren abgeschieden in den Bergen irgendwo im Osten. Mit dem Ausblick auf eine gute Bezahlung und eine ruhige Woche im Schnee macht er sich dennoch auf den Weg. Irgendwo im Nirgendwo trifft er auf den überdrehten, labilen Berufskollegen Micky. Zusammen sollen sie in Bergers Abwesenheit auf dessen Villa und seine junge Ehefrau Sibylle aufpassen. Als Sibylle durch ein dummes Missgeschick ums Leben kommt, setzen sich Ereignisse in Bewegung, die nicht mehr zu kontrollieren sind.
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