KRITIK

Snowden

Plakat_SnowdenSeit Edward Snowden wissen wir: Wir werden überwacht. Rund um die Uhr. Wenn die dafür verantwortlichen Stellen unsere digitale Kommunikation untersuchen möchte, ist diese in Sekundenbruchteilen abrufbar. Snowden selbst hat dazu in einem Interview mal erwähnt, dass für die kommende Generation die absolute Privatsphäre, wie wir sie kennen, ein Fremdwort sein wird. Eine traurige Vorstellung. Im Mai 2013 wollte er die Welt darüber informieren und lud die Filmemacherin Laura Poitras zusammen mit dem Guardian-Journalisten Glenn Greenwald nach Hongkong ein, wo der Whistleblower auspackte. In den wenigen gemeinsamen Tagen im Hotelzimmer gab er nicht nur streng geheime Daten preis, sondern äußerste sich auch ausführlich zu seiner Motivation. Laura Poitras hielt dies mit der Kamera fest und fertigte aus dem Material die mehrfach ausgezeichnete Dokumentation „CitizenFour“.

Oliver Stone, Fachmann auf dem Gebiet für politisch interessante Persönlichkeiten („JFK“, „Nixon“, „W“), zögerte nicht lange, um die Person Edward Snowden einem breiteren Publikum vorzustellen, und zwar anhand eines Dramas. Sein Spielfilm umspannt die Jahre 2004 bis 2013. Einen großen Teil nimmt dabei Snowdens Liebesgeschichte zu der Tänzerin und Hobby-Fotografin Lindsay Mills ein. Von der ersten Kontaktaufnahme zu Mills auf einer Online-Partnerbörse bis hin zu intimsten Momenten wird Snowdens Privatleben vor, während und nach seiner Zeit bei der CIA nachgestellt. Was sehr verwundert, denn lagen im Kern Snowdens Beweggründe nicht darin, die Machenschaften von NSA und Co. aufzudecken, um weiterhin die Privatsphäre eines jeden zu schützen?

Szene_SnowdenPrivat, in einem kleinen Hotelzimmer in Hongkong, beginnt diese Offenlegung des Privatlebens. Und da ist es nur verständlich, dass sie nach einer chronologisch und sehr schematisch erzählten Stationenabfolge genau dort nach über zwei Filmstunden auch wieder endet. In der Zwischenzeit wird der Zuschauer nicht nur zum Voyeur (bei den Kennenlern- und Sexszenen Snowdens mit seiner Freundin) sondern auch zum Mitwisser, wie sich eine junger, naiver, konservativer Idealist zu einem nicht mehr ganz so jungen, aufgeklärten, liberalen Idealisten wandelt. Diese Seite hatte Laura Poitras in ihrer Dokumentation „CitizenFour“ (abgesehen von der berührenden Schlussszene) ganz bewusst ausgespart.

Joseph Gordon-Levitt („Inception“) überzeugt bis hin zum Sprachgestus in der Rolle des ehemaligen NSA-Mitarbeiters. Zwar ähnelt er dem Original kaum, versucht aber als tollpatschiger Soldat, unbeholfener Geek auf Brautschau und nicht zuletzt als weicher, melancholischer Ersatzkörper auf sämtlichen öffentlichen Veranstaltungen die Herzen des Kinopublikums immer wieder für sich zu erobern. Wichtige Lebensabschnittsbegleiter, wie seine liberale Freundin Lindsay Mills, die von Shailene Woodley („Die Bestimmung“) etwas ungelenk verkörpert wird oder der Journalist Glenn Greenwald (nicht viel mehr als ein Zitatengeber: Zachary Quinto) sowie auch Snowdens oberste Vorgesetzter Corbin O´Brian (am Rand einer Karikatur: Rhys Ifans) bleiben bis zum Ende hingegen undurchsichtig und farblos.

Szene_Snowden_1Oliver Stone interessiert sich mehr für die Impulsgeber, die das systemtreue Computergenie zum Aufklärer geformt haben. Da verwundert es nicht, dass diese Personen mit „Sympathieträgern“ besetzt worden sind, vom strafversetzten Ingenieur in der IT-Abteilung (Nicolas Cage), wie bereits erwähnt Shailene Woodley als liberale Freundin, bis hin zu Keith Stanfield als „Snowden-Buddy“ bei der NSA. Mit dieser „Nähe“ zum Publikum, kann Stone geschickt eine Paranoia aufbauen, die schon seine älteren Filme kennzeichneten. In „Snowden“ ist dies beispielsweise eine geschickte visuelle Spielerei, die einen Datenstrom nachzeichnet, welcher sich am Ende in einem menschlichen Auge widerspiegelt. Oder wenn sich der CIA-Neuling Snowden plötzlich beim Sex beobachtet fühlt, und Stones Kameraperspektive der Paranoia Recht zu geben scheint.

Auch wenn viele Beweggründe (Snowdens mehrmalige Rückkehr in den Staatsdienst nach Auslands-Fremdfirm-Einsätzen) bis zum Ende unklar bleiben, und dem Film ein wenig mehr intellektuelle Schärfe gut zu Gesicht gestanden hätte, ist dem mittlerweile 70-jährigen kontroversen Filmemacher Oliver Stone mit seiner „Sympathisierungs-“ und „Hollywoodisierungs-Kampagne“ zur Person Edward Snowden dennoch ein wichtiger und sehenswerter Film gelungen. Weil er damit der vielleicht wichtigsten politischen Figur des 21. Jahrhunderts ein Denkmal gesetzt hat und dieses Denkmal weder zu sehr glorifiziert noch zu sehr versimplifiziert. Weil der Film die Leistung Snowdens honoriert ohne unreflektiert ins ikonenhafte zu verfallen. Und vor allem, weil sich jeder nun ein Bild darüber machen kann, warum unsere Privatsphäre schon lange in Gefahr ist.

 

 

Kritikerspiegel Snowden



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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