KRITIK

Small World

Small World Journalisten lädt er gerne zu sich auf sein Anwesen nach Frankreich ein und begrüßt sie im Unterhemd. Seine große Liebe ist der Weinbau und wenige Wochen zuvor begab er sich als „Mammuth“ auf dem Motorroller zurück in die Vergangenheit. Jetzt muss Gérard Depardieu als Riese mit sanftem Herzen schon wieder Erinnerungsarbeit leisten – unter erschwerten Bedingungen. Denn in „Small World“, der Verfilmung des Martin-Suter-Romans, leidet seine Figur an Alzheimer.

Der Schweizer Suter ist derzeit schwer in Kino-Mode. Man hat den Eindruck, als würde sein Gesamtwerk sukzessive runterverfilmt (nach „Lila, lila“ und „Der letze Weynfeldt“ kommt bald „The Dark Side of the Moon“). „Small World“ ist vom französischen Regisseur Bruno Chiche nun aber aus der Schweiz nach Paris verlegt worden und erinnert ein wenig an die feinfühligen Gesellschaftskrimis von Claude Chabrol: eine mondäne Industriellenfamilie mit subkutan lauernden Geheimnissen, die Matriarchin (Francoise Fabian) lauert, der Chef (Niels Arestrup) vertuscht und Neuzugang Simone (routiniert rehäugig: Alexandra Maria Lara) ist schon am Tag ihrer Hochzeit mit dem Erben von Melancholie umflort.

In dieses „Familienidyll“ oder besser in diese polierte Sippen-Situation platzt Dépardieu als untergebutterter Ziehsohn der Familie, verloren und dement. Er erinnert sich nicht mehr an den Morgen oder an den Mittag, aber immer stärker an gestern. Und Simone hilft ihm dabei. Die Matriarchin dagegen sieht rot: Ein altes Verbrechen droht aufzufliegen.

Was ein analytischer Gesellschaftskrimi hätte werden können, gerinnt in Chiches biederer Inszenierung zum schnell verödenden Fernsehspiel. Wäre Dépardieu nicht das so wuchtige wie verletzliche Zentrum des Films und dabei so sehenswert wie immer, man könnte sich diese 93 Minuten sparen: Zu zerfahren ist die Dramaturgie, zu wenig Biss hat die Diagnose des Großbürgertums.



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INHALT

Der alternde Freigeist Konrad Lang vergisst zusehends alltägliche Dinge, erinnert sich aber immer präziser an seine früheste Kindheit. Nicht zuletzt aus diesem Grund zieht es ihn auch zurück in den Schoß der Industriellen-Familie Senn, zu der sich Konrad durch die gemeinsam verbrachte Kindheit mit dem gleichaltrigen Thomas zugehörig fühlt. Thomas` Mutter, das resolute Familienoberhaupt Elvira Senn, gewährt Konrad zwar Unterkunft, reagiert jedoch zunehmend beunruhigt und ablehnend auf Konrads Erinnerungen. Verwundert beobachtet Simone, die junge Gattin des Familienerben, die wachsende Nervosität der Familienangehörigen. Sie fühlt sich zu dem verwirrten Alten hingezogen, während der Rest der Familie sich kühl distanziert. Als Simone auch noch damit beginnt, das Puzzle aus Konrads Erinnerungen zusammen zu setzen, ahnt sie nicht, dass sie damit einem lebensgefährlichen Geheimnis auf der Spur ist.
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