KRITIK

Slumdog Millionär

Slumdog Millionär Die letzte, alles entscheidende Frage ist gestellt, das Publikum hält den Atem an, die Studioscheinwerfer kreisen zur Pulsschlag treibenden Musik, es stehen 20 Millionen Rupien auf dem Spiel, aber für den Kandidaten geht es hier um viel mehr, nicht um Geld, sondern um die Liebe seines Lebens, und er lächelt. Nicht etwa, weil er die Antwort aus dem Ärmel schütteln könnte, sondern weil er sie noch nie gewusst hat. Wie der Name des dritten Musketiers aus Alexandre Dumas` Roman lautet, das hat sich Jamal schon als Kind gefragt, als er und sein Bruder Salim sich Artos und Portos nannten. Jamal, der Sensationskandidat, den es aus den Slums von Mumbai auf den heißen Stuhl des TV-Ratequiz „Wer wird Millionär“ katapultiert hat und mit dem halb Indien fiebert, droht zu versagen, so kurz vor dem Ziel.

Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“, „28 Days Later“) ist bis nach Indien gereist, um ein modernes Charles-Dickens-Märchen zu erzählen. Sein Held Jamal ist ein Waisenknabe, seit die Mutter bei einem antimuslimischen Massaker getötet wurde, er gerät unter die Knute des Bosses einer Kinderbettlerbande, befreit sich, wird Fremdenführer am Taj Mahal, schafft den sozialen Aufstieg in ein Callcenter und von dort den Sprung ins Fernsehen – während sein Bruder Salim den kürzeren Karriereweg als Gangster wählt. Jamal indes ist nicht an seinem Fortkommen interessiert, sondern nur an Latika, in die er sich schon als Junge verliebt hat und die es um jeden Preis zu finden gilt.

„Slumdog Millionär“ hat acht Oscars gewonnen, dazu vier Golden Globes und einen Haufen andere Preise, aber mittlerweile hat sich der Wind der Kritik gedreht und Danny Boyle muss sich, unter anderem von Salman Rushdie, Elendstourismus und manches mehr vorwerfen lassen. Sicher, Boyle kaschiert die Fremdheit seines Blickes nicht, und er inszeniert die Enge der Slums, die Anthony Dod Mantle mit der Handkamera durchstreift, als einen Überwältigungsrausch aus lärmenden, leuchtenden Impressionen. Aus Bombay, dieser Megacity des Turbokapitalismus und des Terrors, die heute Mumbai heißt, saugt er die wilde, halsbrecherische Energie seines Films, und wer nicht Regisseure mit Sozialarbeitern verwechselt, der kann davon nur mitgerissen werden. Vor allem aber ist „Slumdog Millionär“ ein Film über die globalisierten Glücksversprechen einer weltweit gleich vermarktbaren Quizshow. Wie Boyle das irre Faktenwissen, das diese Multiple-Choice-Sendung fordert, ins Menschliche zurückführt, indem er Jamals richtige Antworten aus der Rückschau eines Polizeiverhörs mit den Erlebnissen des Jungen erklärt – das ist so klug wie ergreifend.

 




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INHALT

Bis zur 14. Frage ist Jamal bei der indischen Version von "Wer wird Millionär?" bereits gekommen - am nächsten Tag soll die letzte noch ausstehende Frage gestellt werden. Die Produzenten glauben nicht, dass der aus ärmsten Verhältnissen stammende Junge die Antworten tatsächlich selbst gewusst hat, und lassen ihn mit harten Methoden von der Polizei verhören. Den Beamten erzählt Jamal, dass er nicht geschummelt hat: Jede Frage hatte etwas mit seiner Lebensgeschichte zu tun, seiner Kindheit in Mumbai, dem Tod seiner Mutter, der Flucht mit seinem Bruder und seiner großen Liebe, die er mit dem Fernsehauftritt wiederzufinden hofft.
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Eure Kritiken zu Slumdog Millionär

  1. Sneaker

    Ich habe den Film schon in der Sneak Preview gesehen. Für mich ist es der beste Film des Jahres.

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