KRITIK

Sing Street

Bild (c) Studiocanal Filmverleih.

Bild (c) Studiocanal Filmverleih.

Ein Junge trifft auf ein hübsches Mädchen. Er will sie beeindrucken. Und weil er Musik liebt, stellt er ihr sein musikalisches Talent vor. Nach „Once“ und „Can a Song Save Your Life?“ kocht der mehrfach ausgezeichnete irische Filmemacher John Carney noch einmal sein Erfolgsrezept. Mit „Sing Street“ geht es wie schon in seinem Hit „Once“ erneut nach Dublin, diesmal jedoch in das Dublin der 80er Jahre. Und weil Carney etwas von Musik im Allgemeinen und von Musik als Verstärker von Emotionen im Speziellen versteht, dürfen auch diesmal die Taschentücher nicht fehlen.

Irland in den 80ern, das bedeutet Rezession, Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst. Auch Robert (Aiden „Littlefinger“ Gillen), der Vater von Conor (Ferdia Walsh-Peelo) und Brendan (Jack Reynor), versucht – wie viele andere Väter auch – irgendwie die Familie durchzubringen. Seine Frau Penny (Maria Doyle Kennedy) sucht Ablenkung in einer Affäre, der älteste Sohn Brendan hat seinen Traum von einer Karriere als Musiker längst begraben. In diesem Umfeld wächst der 14-jährige Conor auf. Nach einem Schulwechsel als Außenseiter in seiner neuen Schule gebrandmarkt, flieht auch er – wie sein großer Bruder – in die Welt der Musik. Es ist die Zeit von Duran Duran, den Talking Heads, Genesis und Co.

Szene_Sing_StreetAls Conor an der neuen Schule eines Morgens die fast unerrreichbare, schöne Raphina sieht, ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch Rafinha (Lucy Boynton), die vorgibt Model zu sein, ist mindestens zwei Nummer zu groß für Conor und natürlich längst vergeben. Conor, der nichts zu verlieren hat, spricht sie an und in dem Moment schießt ihm eine verrückte Idee durch den Kopf: Er läd Raphina ein, im Musikvideo seiner Band aufzutreten. Sein Problem nur: Er hat gar keine Band, kann noch nicht mal ein Instrument richtig spielen. Zusammen mit ein paar Außenseitern der Schule muss also eine Band her. Irgendwie wird das schon klappen mit dem Erfolg. Und, oh Wunder, mit der tatkräftigen Unterstützung seines älteren Bruders sind die ersten Songs garnicht mal so schlecht …

Kenner der Musikszene und vor allem Kinder der 80er werden es sofort unterschreiben: Die Iren haben es einfach im Blut, missliche Lebenssituationen in bewegende Musik zu transzendieren. Von „Sunday Bloody Sunday“ von U2 über „Belfast Child“ von Simple Minds bis hin zu den elegischen Songs von Clannad, von The Cranberries über The Dubliners bis hin zu The Pogues, es gibt unzählige irische Songs, Bands und Künstler, die nicht nur eine gesellschaftliche Situation sondern auch ein Lebensgefühl in zeitlos schöne Kunstwerke verpacken können. Und das nicht nur in der Musik: Filme wie Alan Parkers Klassiker „The Commitments“ oder nicht zuletzt der Überraschungs-Independent-Hit „Once“ von John Carney selbst belegen einnndrucksvoll die These von den talentierten Iren und ihrer überzeugenden Liebe zur Musik.

Szene_Sing_Street_1Mit seinem Film „Sing Street“ trägt John Carney dieses Talent, diese Flamme weiter. Schade ist nur, dass er dabei einige Hebel zu heftig aus seinem filmischen Harmonium zieht. Dazu gehören seine nostalgische Verklärung, die sich in zahlreichen übertriebenen Modeeinfällen widerspiegeln oder auch die ersten selbstgeschriebenen Songs der „Sing Streets-Band“, die sich später wie perfekt produzierte Pop-Nummern aus den 80ern auf der Tonspur breitmachen.

Mit letzteren und den selbstgedrehten Video-Versuchen der Band geraten die Charaktere fast in Vergessenheit, einige Bandmitglieder haben insgesamt nicht mehr als ein, zwei Sätze Dialog. Erinnerungen an Filme wie „La Boum – Die Fete“ oder „Cinderella 80“ werden geweckt, allesamt „Crowd Pleaser“ aus den 80ern, Filme in ähnlichem Gewand, die zwar tolle Musik sowie tiefe Spuren in den Herzen der angesprochenen Generation hinterließen – jedoch keine tiefen Spuren in der Filmhistorie. Zutiefst sympathisch ist John Carneys Beitrag aber allemal. Inklusive Ohrwurmgarantie.

 

 

Kritikerspiegel Sing Street



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, filmgazette
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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INHALT

Irland in den Achtzigern. Vor dem Hintergrund von Rezession und Arbeitslosigkeit wächst der jugendliche Conor in Dublin auf. Als Außenseiter in der Schule gebrandmarkt, flieht er in die Welt der Popmusik und träumt nebenbei von der unerreichbaren, schönen Raphina. Seine Idee: Er lädt Raphina ein, im Musikvideo seiner Band aufzutreten. Sein Problem: Er hat gar keine Band, kann noch nicht mal ein Instrument spielen. Aber sein Plan darf auf keinen Fall scheitern. Also gründet er mit ein paar Jungs aus der Nachbarschaft kurzerhand eine Band und voller Leidenschaft schreiben sie ihre ersten Songs ... (Text: Studiocanal Filmverleih)
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