KRITIK

Simons Geheimnis

Simons Geheimnis In den Filmen von Atom Egoyan liegt die Katastrophe meist schon lange zurück. Und seine Figuren sind nicht selten Verschüttete, die zwar überlebt haben, aber nicht mehr in der Gegenwart existieren können. So wie der einsame Mann, der in „Exotica“ Abend für Abend im Striplokal sitzt, so wie die hinterbliebenen Eltern, die sich in „Das süße Jenseits“ nach einem Busunfall in ihrer Trauer eingekapselt haben.

Egoyan nähert sich diesen Menschen mit der professionellen Distanz eines Bergungsarbeiters, der sich Schicht für Schicht durch die Schutzpanzer aus Verschwiegenheit, Lebenslügen und Trugbildern kämpft. Im Grunde variiert der kanadische Regisseur diese Methode und Motive auch in seinem jüngsten Film „Simons Geheimnis“, wobei seine Kunst, zwischen verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen zu springen und trotzdem bestechend klar zu erzählen, an ihre Grenzen stößt.

Simon, sehr eindringlich von Devon Bostick gespielt, soll im Französischunterricht eine Zeitungsmeldung übersetzen: Eine schwangere junge Frau wird auf dem Weg nach Israel am Flughafen von Sicherheitsleuten aufgehalten, die eine Bombe in ihrem Gepäck finden – von der allerdings wusste die Reisende selbst nichts. Ihr jordanischer Verlobter hatte ihr den Sprengstoff untergeschoben, bereit, sie mit 400 weiteren Passagieren in den Tod zu schicken.

Simon nun schreibt den Fall kurzerhand um und gibt ihn als seine eigene Familiengeschichte aus. Ermuntert von der Französischlehrerin Sabine (Arsinée Khanjian, Egoyans Partnerin), die auch den Theaterkurs leitet, erzählt er der Klasse diese Version, in der er das ungeborene Kind ist, das vom monströsen Vater beinahe geopfert worden wäre. Indes verselbständigt sich die Mär bald im Internet und zieht immer weitere Kreise.

Egoyan verschränkt diese Fiktion zunehmend mit Simons tatsächlicher Familienvergangenheit, die durchaus Parallelen zu dem Fall aufweist. Sein Film handelt von der flüchtigen Konstruktion von Identität und Geschichte, nicht zuletzt von Terrorangst, und die anonymen Chat-
rooms des Internet mit ihren schrillen Chören sind dafür ein leuchtendes Sinnbild. Der religiöse Diskurs allerdings, den Egoyan anstrengt, wirkt genauso konstruiert und schematisch wie die Stellvertreter-Schicksale, die ihm Leben einhauchen sollen.



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INHALT

Statt einen Zeitungsartikel an seiner Schule in Toronto zu übersetzen, übernimmt der junge Simon dessen Geschichte für sich und behauptet, der Sohn eines Terroristen zu sein: Sein Vater hatte einst ein Flugzeug sprengen wollen und im Gepäck seiner mit Simon schwangeren Frau heimlich eine Bombe versteckt. Als Lehrerin Sabine Simons Geständnis enthüllt, löst es auch jenseits der Schule unerwartet Heftiges aus.
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