KRITIK

Sicario

Bild (c) 2015 Studiocanal.

Bild (c) 2015 Studiocanal.

Eine Frau steht ihren Mann. Eine platte und zudem sexistische Umschreibung für einen Plot. Aber ein Plot, der jüngst immer häufiger auftaucht im Actionkino des noch jungen 21. Jahrhundert. Nein, mehr noch, nach Figuren wie „Alice“ („Resident Evil„), „The Bride / Die Braut“ (in Tarantinos „Kill Bill„) oder „Lucy“ variieren Plot und Sujet in Actionfilmen mit weiblichen Hauptdarstellerinnen lediglich nur noch hinsichtlich des Talents und des Antriebsgrundes für die Aufgabe der Hauptfigur. Was alle Darstellerinnen mit Blick auf die meist männliche Zielgruppe eint sind Jugend und Schönheit. Doch zum Glück haben sich Erwartungshaltung, Anspruch und das Bild der Frau innerhalb der Gesellschaft weiterentwickelt. Das weiß auch Schauspieler und Drehbuchautor Taylor Sheridan („Sons of Anarchy“). Zusammen mit seinem Regisseur Denis Villeneuve („Prisoners„) lässt er seine Sichtweise der Geschehnisse im mexikanisch/amerikanischen Drogenkrieg von einer weiblichen Hauptfigur erzählen, die eine wichtige Funktion in eben diesem übernehmen soll. Weniger als verantwortlicher „Haudrauf“ sondern mehr als „Vermittlerin“.

Die Produzenten sollen von dieser Idee weniger begeistert gewesen sein, berichtet Regisseur Denis Villeneuve dazu im Presseheft. Das Duo Sheridan/Villeneuve dafür umso mehr. Unverständlich deshalb, warum sie ihre Hauptfigur wie das mahnende schlechte Gewissen fast teilnahmslos am Geschehen teilhaben lassen, um sie im letzten Drittel gleich ganz der titelgebenden Nebenfigur zu opfern.

SICARIO Day 01Zugegeben, die Eröffnung demonstriert eindrucksvoll, dass Regisseur Denis Villeneuve derzeit zu den angesagtesten Regisseuren in Hollywood zählt: In der ersten (von zahlreichen Helikopter-)Szene stürmt ein FBI-Trupp unter der Leitung von Agentin Kate Macer (Emily Blunt) das Geheimversteck eines mexikanischen Drogenkartells. Im Anwesen machen sie einen grausamen Fund: Zahlreiche Leichen verwesen mit Plastiktüten über ihren Köpfen stehend (!) hinter frisch aufgestellten Innenwänden. Warum? Nebensächlich. Warum wurden sie nicht vergraben oder verbrannt? Auch nebensächlich. Als zwei Kollegen ein weiteres Versteck hinterm Haus öffnen wollen, gibt es weitere Tote, diesmal unter den US-Kollegen. Nach diesem Vorfall wird eine Task-Force eingerichtet, um Jagd auf die Drahtzieher zu machen. Unter der Leitung von CIA-Chefermittler Matt Graver (Josh Brolin) geht es für Kate zunächst auf die mexikanische Seite des umkämpften Grenzgebietes, wo sie an einem Gefangenentransport teilnehmen soll („schau zu und lerne, Kate!„).

Zur Task-Force gehören neben zahlreichen US-Elitesoldaten auch Alejandro (Benicio del Toro), ein schweigsamer Berater mit undefiniertem Auftrag. Als dieser zum ersten Mal sein Gewehr einsetzt, ohne Rücksicht auf geltende Gesetze, muss sich Kate fragen, ob der Zweck hier wirklich alle fragwürdigen Mittel heiligt. Das gilt nicht zuletzt für das Vorgehen Alejandros, der als enigmatischer Söldner eine ganz persönliche Agenda zu verfolgen scheint. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, Recht und Ordnung, drohen nach und nach zu verschwimmen. Und während Kate immer noch widerwillig der testosterongesteuerten Task-Force folgt, verschwindet sie, die angebliche Hauptfigur, fast vollständig aus dem Film. Oder anders: Regisseur Villeneuve verliert sie schlicht und einfach aus dem Blick. Viel wichtiger scheinen dem Franko-Kanadier die vielen Helikopter-Aufnahmen oder die Bilder aus den Nachtsicht-Helmkameras zu sein, die stimmungsvoll den Drogenkrieg illustrieren sollen.

S_D027_07185.NEFNein, Drehbuch und Regie meinen es nicht gut mit der Hauptdarstellerin. Kate ist eine fahrlässig naive Identifikationsfigur. Ratschläge vom nonchalanten Befehlhaber Matt Graver werden überhört und auch die Verführungskünste eines korrupten Beamten haben bei ihr leichtes Spiel. Auch wenn Emily Blunt als wachsame wie gewissenhafte Gesetzeshüterin Kate stets bemüht ist ihrer Figur zumindest die physische Präsenz und Professionalität zu verleihen, die ihre Figur benötigt, ist es doch Benicio del Toro als Alejandro, der sofort die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Vor diesem emotionalen Gemengelage ist „Sicario“ am Ende eben doch nur ein klischeebehafteter, effekthascherisch inszenierter Drogenthriller, der vorgibt, sich an der Wirklichkeit abzuarbeiten.

 

 

Kritikerspiegel Sicario



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Lida Bach
filmfutter, titel-magazin.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Carsten Happe
filmgazette, Der Schnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Antje Wessels
wessels-filmkritik.com
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel Oktober.



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