KRITIK

Shutter Island

Shutter Island Es ist bereits die vierte Zusammenarbeit zwischen dem Kultregisseur Martin Scorsese, dem man Meisterwerke wie „Taxi Driver“, „Die Farbe des Geldes“ oder „Casino“ zu verdanken hat und dem ehemaligen Hollywood-Wunderkind Leonardo DiCaprio. Ihm gelang in den letzten Jahren zwar nicht ganz der Sprung in den Schauspieler-Olymp der Traumfabrik, aber er gehört inzwischen auf jeden Fall zu den etablierten Stars. Nach „Gangs of New York“, „Aviator“ und „Departed“ kommen nun beide abermals zusammen.

Diesmal verschlägt es DiCaprio alias US-Marshall Teddy Daniels und seinen Partner ins Jahr 1954 auf ein Alcatraz-ähnliches Eiland, auf dem sich eine Anstallt für psychisch Gestörte befindet; inklusive eines hermetisch abgeriegelten Hochsicherheitstraktes für außergewöhnlich gefährliche Psychopathen. Shutter Island, so der Name dieses Asylums, ist als ehemaliges Fort des Amerikanischen Sezessionskrieges scheinbar ideal dafür geeignet, solch ein Klientel zu beherbergen.

Doch selbst aus diesem so sicheren Bau ist kürzlich eine Insassin entflohen – regelrecht „aus ihrer verschlossenen Zelle verdunstet“, wie es von der Heimleitung heißt. Die beiden ermittelnden Beamten wollen dem Vorfall auf den Grund gehen. Daniels, der im II. Weltkrieg als Soldat der US-Streitkräfte bei der Befreiung Dachaus dabei war, hat beim Anblick der ehemaligen Festung und deren Insassen prompt ein paar weniger schöne Deja-Vu´s. Dieser Festungsbau ist aber auch eine immens einschüchternde Stätte und obendrein im Inneren regelrecht paramilitärisch strukturiert. Leiter der Anstallt ist Dr. Cawley (Ben Kingsley), der zunächst Kooperationsbereitschaft zeigt, in Daniels Augen aber nicht ganz mit der Wahrheit rausrücken will. Keiner der Verantwortlichen kann erklären, wie eine als sehr gefährlich eingestufte Patientin so einfach entfliehen konnte; darüber hinaus beginnt Daniels seine eigene Vergangenheit einzuholen. Es quälen ihn Kriegserinnerungen und auch ein anderes Trauma, dass noch nicht so lange her ist: Bei einem Brandanschlag starb vor einiger Zeit seine Frau. Der Täter konnte nicht gefasst werden. Nun, an diesem unheimlichen Ort, beginnt das alles ihn allmählich zu überwältigen. Daniels wittert unter dem Ärztepersonal plötzlich ehemalige NS-Mediziner, die sich aus Deutschland vor Kriegsende absetzen konnten und nun ihre grauenvollen Experimente hier fortführen. Und auch den Brandattentäter vermutet er hier unter den Insassen.

Ganz meisterlich gelingt es Scorsese, Elemente von Krimi, Drama, Horror, Mystery- und Suspensethriller miteinander zu verknüpfen. Fast eine ganze Stunde lang tappt der Zuschauer in diesem klaustrophobischen Wirrwarr, ebenso wie die ermittelnden Marshalls, im Dunklen. Mal eine Wendung hierhin, dann wieder dorthin. In diesem paranoiden Puzzle ist nichts, wie es scheint. Ob das aber wirklich eine große Stärke des Films ist, kann durchaus hinterfragt werden. Obwohl der Streifen von Beginn an eine immense Sogwirkung verströmt, wirkt er andererseits auch mächtig plakativ. Der Score ist zu Beginn nicht nur imposant und eindringlich; Scorsese treibt es soweit auf die Spitze, dass die bombastischen Klangteppiche von Robbie Robertson extrem enervierend werden. Ähnliches gilt für die Motive, die auf künftige Ereignisse hindeuten sollen, wie beispielsweise unheimliche Stürme.

Doch das alles ist nicht mehr als Staffage, ein illustres Täuschungs- und Manipulations-Potpourri, um den Zuschauer auf mannigfaltig falsche Fährten zu führen. Ebenso wie die beiden ermittelnden Beamten, die in den Mauern der Anstalt gefangen sind und allmählich regelrecht depersonalisieren, versucht auch der Zuschauer aus diesem mehrfach ineinander verschachteltem Labyrinth, einen Ausweg zu finden, zumindest aber die Teile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen. Leider hält Scorsese seinen Versuchsaufbau nicht stringent durch. Zu offensichtlich ist am Ende das Einknicken. Der Druck eines des Kommerz verpflichteten Films, der seine Zuschauer nicht mit Fragen im Kopf entlassen darf, lastet schwer und beschert eine vollkommene Auflösung, die dem anspruchsvollen Cineasten alles andere als willkommen ist und auch dem Ende der gleichnamigen Romanvorlage aus der Feder Dennis Lehanes zuwider läuft. Der Meister verpasst damit einen größeren Wurf und siedelt sich mit seinem neuesten Werk im ordentlich gehobenen Mittelmaß an, dass aus dem Film ein durchaus sehenswertes Kabinettsstück macht, aber ihm keinen unvergesslichen Ruhm bescheren wird.



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INHALT

U.S.-Marshal Teddy Daniels landet 1954 mit seinem Partner Chuck Aule inmitten eines Unwetters auf dem entlegenen Shutter Island. Dort ist aus dem Ashecliffe Hospital, ein Krankenhaus für geisteskranke Schwerverbrecher, eine Mörderin spurlos verschwunden. Schnell ist Teddy klar, dass er keine Unterstützung von den Ärzten zu erwarten hat: Offenbar will man ihn auf falsche Fährten locken und als Schachfigur in einem diabolischen Spiel instrumentalisieren. Teddy setzt dennoch alles daran, das Geheimnis der Insel zu entschlüsseln.
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Eure Kritiken zu Shutter Island

  1. Cinephiler
  2. Juna

    Wer den Trailer von Shutter Island gesehen hat, wird wohl eher einen Horrorthriller erwarten, statt eines durchdachten Dramas. Die Story scheint zwar relativ schnell durchschaut, das Ende hält aber trotzdem eine Überraschung offen und ist eindeutig zweideutig. Fazit: Der Film ist spannend und kurzweilig, hätte aber einen anderen Trailer verdient gehabt.

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