KRITIK

Shoppen

Bild (c) X-Verleih.

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„Ich bin ein Designer-Stück. Mich kann man anschauen. Mich leisten können sich nur die wenigsten.“ Patrick (Felix Hellmann) ist sich sicher: Wenn es um seine Wirkung auf Frauen geht, kennt der smarte Münchner keine Konkurrenz. Ein Date ist für ihn mehr ein Schaulaufen, ein Event, in dem es darum geht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Frauen von sich zu beeindrucken. Patrick ist an diesem Nachmittag einer von achtzehn. 18 Singles, neun Frauen, neun Männer, die sich in einer leeren Turnhalle zusammengefunden und nun fünf Minuten Zeit haben, um sich kennen zu lernen. Nach Ablauf der fünf Minuten klingelt ein Wecker und jeder Teilnehmer bekommt einen neuen Gesprächspartner. Das nennt man Speed-Dating.

20 Jahre zurück: In den 80ern hatte der Bayerische Rundfunk eine amerikanische Show-Idee für sein kränkelndes Vorabend-Programm eingekauft: Drei Männer sollten unterhaltsam um eine Frau buhlen. Die Frau konnte die Männer nicht sehen, sie saßen aufgereiht hinter einer Wand. Die Kandidatin stellte drei Fragen und wer von den Kandidaten die pfiffigste Antwort auf ihre Fragen abgab, wurde von der Kandidatin ausgewählt. Die Show hieß „Herzblatt“ und wurde zum Riesenerfolg.

Ralf Westhoff setzt genau auf diesen Unterhaltungswert: Das Boy-meets-Girl Grundgerüst. Die älteste Konstellation der Filmhistorie wird in „Shoppen“ variiert und potenziert. Westhoff lässt hier nun nicht nur eine Frau gegen drei Männer antreten, sondern neun Frauen gegen neun Männer. „Shoppen“ macht folglich dort weiter wo „Herzblatt“ einst aufgehört hat. Und der Film arbeitet genau mit der Stärke, die sich aus diesen Duellen ergibt: Dem Unterhaltungswert als Folge von pointierten Dialogen. Da Westhoff auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat und wirklich jeder Figur die Worte in den Mund legte ohne Freiräume für eigene Interpretationen zu lassen, wird ihm jedoch die Thesenhaftigkeit der Dialoge ein ums andere Mal zum Verhängnis. Natürlich muss der Öko-Freak gleich ein fehlendes Umweltverständnis anprangern und natürlich hakt der Controller streng seine Liste mit Fragen ab.

Ein klein wenig wirkt die Beschreibung „geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ wie ein Speed-Casting. Die Schauspieler stammen allesamt aus der jungen Garde Münchner Theaterschauspieler und sind perfekt gecastet. Auch wenn die Figuren dabei nur teilweise aus dem wahren Leben gegriffen scheinen und letztlich alle ein bisschen konstruiert wirken, ist dieser Ansatz aber absolut okay, weil Westhoff immer nur einzelne Gesprächsfetzen vorstellt. Immer wenn es zu „ernst“ wird, zieht er das Tempo an. Der Schnitt ist rasant, auf überraschende Close-Ups folgen unerwartete Perspektiven.

„Shoppen“ bringt unverbrauchte Gesichter aus der Münchner Theaterszene auf die Leinwand. Und auch wenn allzu oft Konsum-Vergleiche gezogen werden und Westhoff auf eine Dramaturgie komplett verzichtet hat, sind Figuren und Darsteller frisch und konzentriert genug, dass der Kinobesuch bestens unterhält und sich der Kinobesucher auf weitere Projekte aller Beteiligten im Kino freuen kann.



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INHALT

18 paarungswillige Großstadtsingles auf der Suche nach einem Partner: Sie alle treffen sich beim Speed-Dating. Jedes Paar hat 5 Minuten Zeit, sich kennenzulernen. Am Ende wird nur dem- oder derjenigen die Telefonnummer des Gegenübers weitergegeben, den oder die man auch wirklich sympathisch fand. Regisseur Westhoff begleitet die Singles von der Vorbereitung auf das "Event" bis zum ersten Kennenlernen nach dem Speed-Dating.
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Eure Kritiken zu Shoppen

  1. Onur

    Eine richtige Doku wäre viel interessanter gewesen. Ein Spielfilm ist das so auch nicht, und damit irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes.

  2. Tina07

    Was für ein toller Film. Hätte ich nie erwartet. Sehr witzig. Tolle Dialoge. Tolle Schauspieler. Macht shr viel Spass.

  3. tine

    Lange keinen Film mehr gesehen, bei dem ich so herzlich und viel gelacht habe … ohne das absichtlich Witze gemacht wurden 🙂 man lacht über das Leben und lacht, um nicht nachzudenken wie WAHR das alles ist. Grossartig inszeniert, da sitzt jeder Schnitt und am Ende hat das ganze Kino kollektiv „ohhhhh“ gerufen weil es nicht mehr weiterging … Ich werde mir den ein zweites Mal anschauen!

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