KRITIK

Sexy Beast

Filmplakat Sexy BeastMitten im Film ist dieser auch schon wieder zu Ende. Oder anders gesagt: Videoclip-Regisseur Jonathan Glazer (Radiohead, Jamiroquai) ist zum Ende hin die Puste ausgegangen. Da er natürlich seine Geschichte bis zum Ende erzählen muss, macht er das eben, mehr aber auch nicht. Das Ende mittendrin ist das Ende von Don Logan, dem wie immer beeindruckend aufspielenden Ben Kingsley, dem furios in Szene gesetzten, titelgebendem Biest mit seinen immer großen, wachen braunen Augen und einem ständig durchgedrückten Kreuz. Kingsley, der bisher wohl am beeindruckensten als Dr. Miranda in dem Polanski-Kammerstück „Death and the Maiden“ spielte, und von dem man fälschlicherweise immer wieder erwartet, er könne nur den Gandhi geben oder den anderen Gutmenschen Itzhak Stern (Schindlers Liste), spielt hier einen Autisten. Einen offenbar an Koprolalie erkrankten Psychopathen, der weniger durch seine unberechenbaren Gewaltausbrüche erschreckt, als vielmehr durch seine alle Menschen terrorisierende Penetranz im Beharren auf seinem Willen.

Logan spricht nicht, er bellt, geifert, stottert. Und jedem Exorzisten wäre er der Höhepunkt einer Karriere. Gal (Ray Winstone), wunderbar weicher Widerpart mit echtem Rückgrat, von Glazer psychologisch hervorragend detailliert gezeichnet, ist vielleicht das Alter Ego Logans: Beide, so grundverschieden sie sind, verkörpern die Verlierer im großen Spiel der Mächtigen, der wirklich bösen Bosse (und wirklich böse, weil kalt bis auf die Knochen, ist Ian McShane als Teddy Bass, dessen kalte Mimik mehr Angst verbreitet, als alles sture Stottern des Biestes).

Der Film lebt von knalligen Bildern und treibendem Sound ebenso, wie von der atmosphärisch dichten Inszenierung. So wird jedem die Anfangsszene in Erinnerung bleiben, in welcher Gal am Pool in der Sonne schwitzt und allen klar ist: Dieser Mann ist schwindlig schwitzend glücklich. Oder die Szene, in der sich Gal, Deedee, Aitch und Jackie unter einem Vorwand nach und nach fluchtartig aus dem Wohnzimmer in die Küche verziehen, den Don im Wohnzimmer alleine lassend; und während sie – jeder in einer Ecke sitzend oder stehend – stumm die Katastrophe bedenken, schleicht sich der Unerträgliche auf die Terrasse und schaut kurz hoch in den prächtigen Nachthimmel, wo wohl Sterne stehen, doch die sieht er nicht und niemand sieht ihn, ganz allein gelassen.

Sexy Beast ein Thriller, eine schwarzhumorige Komödie? Auch. Eher aber wohl das Psychogramm einer kaputten Gangsterwelt, in der es mehr Verlierer als Gewinner gibt, und das kleine Glück, der Ruhestand, eine ständig gefährdete Insel ist, auf die sich endgültig zurückzuziehen nur denen gelingt, die Rückgrat und nicht zuletzt das Glück haben, zu lieben und geliebt zu werden. Sehenswert.

 



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INHALT

Gary "Gal" Dove, britischer Gangster im Ruhestand, genießt das Leben auf seiner spanischen Hazienda; und genießen heißt, den schwabbeligen Bauch in die pralle Sonne halten, gut essen und trinken und sich möglichst wenig – und wenn doch – dann zeitlupengleich langsam und gefährlich schlapp am Pool bewegen.
Aus der „Müllkippe London“ hat er seine Frau und zwei Freunde mitgebracht, beide Paare leben ein Leben höchst genussvoller Langeweile. Doch mit der ist es eines Tages zu Ende, denn die Vergangenheit hat sich am Telefon zurückgemeldet: Don Logan, ein durchgeknallter Kollege aus älteren Tagen kündigt seinen Besuch an und will Gal für einen neuen Job in London anheuern. Da mit dem Don nicht zu spaßen ist, stehen alle Zeichen auf Sturm, und wirklich, am Ende und nach zahllosen Verbal- und sonstigen Attacken des Glatzkopfes Logan fliegt Gal, den Job zu machen und noch etwas anderes zu Ende zu führen, in die britische Hauptstadt.
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Eure Kritiken zu Sexy Beast

  1. Cineast

    Sehe das genau.. wie der Rezsensent hier. Der Film hat so viele atemberaubende Ideen, besticht durch eine tolle Schauspielerführung und eine großartige visuelle Aufbereitung der Handlungsfäden, doch zwischendurch habe ich mich echt gelangweilt, ja, war der vielen sinistren und selbsverliebten Handbremsattacken ziemlich überdrüssig. Sonst wär es ein klasse Film geworden..

  2. Eliza

    Oh jeNa gut, die Schauspieler waren echt klasse und die Anfangsszene sehenswert, aber der Rest… einfach merkwürdig und überhaupt nicht mein Ding!

  3. Ralf

    Ein wahnsinns FilmIch habe mich die ganze Zeit gefragt, wer wohl diesen genialen Levis Spot gemacht hat und konnte es nicht abwarten den ersten Kinofilm des verantwortlichen Regisseurs zu sehen. Hier ist er also und ich bin nicht enttäuscht worden. Das Kleid sitzt perfekt. Tolle Einstellungen, grandiose Schauspielerführung und selbst die Dialoge sitzen 1a. Na, wenn das mal nicht der neue Star am Regisseur-Horizont ist. Er heisst Jonathan Glazer und ich freue mich schon riesig auf den nächsten Streifen.

  4. Udo

    Endlich bald Urlaub, doch..schnell noch den Film mit in die Ferien nehmen. Hat mir gut getan, auch die tolle Eingangssequenz mit dem Pool in der spanischen Sonne. Werde mich jetzt mehr auf meinen Urlaub freuen. Ansonsten tolle Schauzspieler, nette erste Hälfte. Zweite Hälfte hat mir nicht so gut gefallen, dennoch ein klasse Film. See ya

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