KRITIK

Seefeuer

Bild (c) 2016 Weltkino.

Bild (c) 2016 Weltkino.

Jeder, der diesen herausragenden Film von Gianfranco Rosi mit den schlichten Worten „Doku zur Flüchtlingsproblematik“ beschreibt, begeht einen großen Fehler. Denn erstens wird es keiner Dokumentation der Welt gelingen, die Komplexität der Flüchtlingsproblematik in ein bis zwei Kinostunden zu beleuchten und zweitens geht es in „Fuocoammare“, wie Gianfranco Rosis Film im Original heißt, weniger um Schicksale sondern eher um ein Aufeinandertreffen. Um eine Situationsbeschreibung. Und die gelingt dem 1964 in Eritrea geborenen Filmemacher so eindrücklich, dass sie nicht zuletzt bei Jurypräsidentin Meryl Streep und ihren KollegInnen bei den 2016er Berliner Filmfestspielen einen tiefen Eindruck hinterließ und völlig zu Recht mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

An den Anfang seiner Situationsbeschreibung setzt Rosi einen stillen Impuls: Zahlen und Fakten auf schwarzer Leinwand. Über 400.000 Flüchtlinge seien bis heute auf der kleinen Insel Lampedusa, dem Sehnsuchts- und Zielort zahlreicher Verfolgter zwischen Tunesien und Sizilien, gestrandet. Über 15.000 haben ihre Flucht aus ihrer Heimat mit dem Tod bezahlt. Schwarze Leinwand. Ein kleiner Junge, der zwölfjährige Fischersohn Samuele, taucht hinter einem Baum auf. Er ist auf der Suche nach einem geeigneten Ast, um sich eine Steinschleuder zu basteln. Minutenlang folgt Rosi seinem „Hauptdarsteller“ kommentarlos mit seiner Kamera. Noch mit den kurz zuvor eingeblendeten Fakten im Kopf mäandert der Gemütszustand und er paart sich mit einer Unbeschwertheit, die ein Zwölfjähriger auf der Suche nach einer Beschäftigung kurzzeitig evozieren kann.

Szene_SeefeuerDiese Vorgehensweise wird sich im Laufe des Films noch einige Male wiederholen. Und dieses Vorgehen darf ohne falsche Euphorie und falsche Furcht vor Superlativen schlichtweg mit „genial“ bezeichnet werden. Denn die Neugierde und den Erlebnishunger eines zwölfjährigen Fischerjungen mit der furchtbaren Realität erschöpfter Flüchtlinge gegenüber zu stellen, ohne dabei je belehrend oder politisch überkorrekt zu sein, provoziert ein Nachdenken, ein Innehalten, einen Gedankenfluss, der noch lange nach dem Kinobesuch oder nach der Sichtung kaum abebbt.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Immer wieder stellt Rosi kommentarlos Bilder von Bergungs- und Rettungsmissionen der italienischen Marine und auch Kommentare eines vor Ort tätigen Arztes dem Alltag des zwölfjährigen Samuele gegenüber. Es sind teilweise quälend langatmige Einstellungen, die erst im Laufe der 113 Minuten nach und nach den Blick für die zahlreichen Metaphern öffnen, die sich hinter den Einstellungen verbergen. Wenn Samuele beispielsweise zusammen mit seinem Freund ein Luftgewehr simuliert, so wie er es wahrscheinlich einige dutzend Male bei seinen Helden in amerikanischen Actionfilmen gesehen hat, dann bekommt der Schnitt auf einen italienischen Zerstörer, der zahlreichen Überlebenden aus den Bürgerkriegen zur Hilfe eilt eine Wucht ähnlich eines Faustschlages in die Magengrube.

Szene_Seefeuer_1Oder wenn der begeisterte Vogeljäger und Steinschleuderschütze Samuele sein Zielauge vom Augenarzt abgeklebt bekommt, um sein vernachlässigtes Auge zu stärken, ist das ebenso eine enorm starke Metapher für die Blindheit eines zerstrittenen Europas, das die Flüchtlinge am liebsten einem diktatorischen Despoten überlässt. Samuele ist neugierig, er lernt Englisch in der Schule, löchert seinen Vater mit Fragen über die Fischerei, isst frisch gefangenen Thunfisch in der frisch zubereiteten Pasta seiner Oma. Ein behütetes Leben, das sich auch die zitternden und schwer verängstigten Flüchtlinge erträumen, die Rosi – ohne voyeuristisch zu werden – mit seiner Kamera auf den Rettungsbooten der Marine und schließlich auf der Insel Lampedusa empfängt.

Ein Jahr verbrachte der italienische Regisseur afrikanischer Herkunft auf der kleinen italienischen Insel. Und auch wenn seinen Aufnahmen der rauen Insellandschaft und des behüteten Insellebens Bilder von Invasion, Aufständen und massenweise Toten in den Rettungsbooten gegenüber gestellt werden, macht er damit nicht nur die Gefühle der einheimischen Bevölkerung, über deren Köpfen das alles geschieht, mehr als verständlich, sondern rüttelt damit auch an den Synapsen seines Publikums: Oft bleibt nur ein Kopfschütteln. Aber Gianfranco Rosi sorgt darüber hinaus für ein Unwohlsein, er provoziert ein Umdenken, vielleicht auch einen Tatendrang.

Es ist ein Film wie ein Faustschlag. Mit „Fuocoammare“ ist ihm sicherlich ein wichtiges, ehrliches und humanistisches Pamphlet gelungen, das die Meßlatte ähnlicher Filme zum Thema sehr hoch legt. Eine Dokumentation im Sinne des Vernunftstrebens nach Immanuel Kant, die Augen zu öffnen und Helfen zu müssen. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde. Rosi kommt den direkt Betroffenen mit seiner Langzeitbeobachtung sehr nahe, er gibt ihnen ein Gesicht, dem zwölfjährigen Fischersohn, dem vor Ort tätigen Arzt und auch den zahlreichen dehydrierten Flüchtlingen. Somit ist „Seefeuer“ großes, wichtiges, humanistisches Kino, tief berührend mit langer Nachwirkung, das sofort in die Lehrpläne aller weiterführenden Schülen gehört. Nicht verpassen!

 

 

Kritikerspiegel Seefeuer



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Lida Bach
filmrezension.de, etc.
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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