KRITIK

Score – Eine Geschichte der Filmmusik

Plakat zur Dokumentation Score mit einem Mann mit Kopfhörer von hinten photografiert.

Bild (c) 2017 NFP Marketing & Distribution.

Wie viele andere Menschen, die hinter der Kamera arbeiten, steht auch der Komponist der Filmmusik des Öfteren im Schatten des Regisseurs und der glitzernden Filmstars. Dabei handelt es sich bei der Filmmusik um einen kaum wegzudenkenden, essentiellen Teil des Filmerlebnisses, der Stimmungen und Emotionen transportiert. Eine Kunst, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient als die ein oder andere Honorierung bei einer der zahlreichen Award-Shows. Dieses vermeintliche Unrecht wollte Matt Schrader mit seinem Regiedebüt, der Dokumentation „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“, wieder gut machen.

Dafür trommelte Schrader einerseits berühmte Filmemacher wie James Cameron und den mittlerweile verstorbenen Gary Marshall zusammen und grub andererseits Archivmaterial von Gesprächen zwischen Steven Spielberg und John Williams aus. Weitestgehend konzentriert sich Schrader jedoch auf Interviews mit Komponisten, die insbesondere Filmmusik-Novizen unbekannt sein könnten: Hierzu zählen Bear McCreary („Battlestar Galactica“, „The Walking Dead“), Tom Holkenborg (bekannt als Junkie XL „Mad Max: Fury Road„), Mark Mothersbaugh („The Royal Tenenbaums“, „The LEGO Movie“), Rachel Portman („Chocolat„, „Alles, was wir geben mussten“), Alexandre Desplat („The King´s Speech„, „The Imitation Game“). Zu Wort kommen aber auch prominentere Vertreter wie Tim Burtons Stammkomponist Danny Elfman („Edward mit den Scherenhänden“, „Batman“) oder Rockstars, die zur Filmmusik übergelaufen sind, wie Trent Raznor der berühmten und populären Band Nine Inch Nails, der mit seinem Score zu David Finchers „The Social Network“ einen Oscar gewann u.v.m.

Szene aus der Dokumentation Score - Eine Geschichte der Filmmusik mit dem Komponisten Quincy Jones

Quincy Jones in „Score“

Bei „Score“ handelt es sich um ein sehr leidenschaftliches Porträt eines oftmals als selbstverständlich angesehenen Produktionszweiges der Filmindustrie. Schrader möchte gleichzeitig Geschichtsstunde und Analyse der Arbeitsprozesse von Filmkomponisten sein. Das Problem ist nicht unbedingt, dass er sich dabei zu viel aufbürdet, vielmehr verliert der Dokumentarist zu oft den roten Faden und sich selbst immerzu in Lobeshymnen und dokumentarischen Fan-Servicedienstleistungen auf und für Hollywood-Filmmusiker.

Letztere erinnern eher an DVD- bzw. BluRay-Bonusmaterial, ohne dabei über den Tellerrand zu sehen oder gar tiefer zu forschen. In den Szenen jedoch, wenn Schrader auf die Anfänge der Filmmusik während der Stummfilm-Ära eingeht oder berühmten und weniger berühmten Komponisten bei der Arbeit über die Schulter schaut, findet die Dokumentation die richtigen und vor allem interessanten Beats. Leider hält sich Schrader nicht lange damit auf, entweder weil er Angst hat, den Zuschauer zu langweilen oder weil er selbst kein großes Interesse daran hat.

Szene aus der Dokumentation Score - Eine Geschichte der Filmmusik mit dem Bild von Danny ElfmanEinige Erkenntnisse kommen jedoch hinter den ganzen Ehrfurchtbezeugungen zum Vorschein: Bear McCreary gibt zu verstehen, dass er als Komponist gleichzeitig Psychologe des Regisseurs sein muss, um dessen unbewussten Ziele und Gedanken zum Vorschein zu bringen. Hans Zimmer erzählt von seinen Unsicherheiten vor jedem neuen Projekt und der Angst, die bevorstehende Aufgabe nicht erfüllen zu können. Kleine Anzeichen von Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen, die auch unmusikalischen Zuschauer ermöglichen sollte, eine empathische Verbindung zu den Künstlern herzustellen, bevor sich Schrader wieder der Huldigung großer Künstler zuwendet.

Sicherlich haben z.B. Max Steiner, der seinerzeit King Kong von einem albernen Stop Motion Monsterfilm in ein packendes Drama verwandelte, Bernard Hermanns bahnbrechende Arbeit für Hitchcock Horrorthriller „Psycho“, Italowestern-Spezialist Ennio Morricone und natürlich John Williams langjährige und erfolgreiche Laufbahn Lob und Bewunderung verdient. Allerdings wird hier kaum ein Filmfan oder auch nur ein Gelegenheitshörer von Filmmusik viel Überraschendes entdecken, so magisch es auch sein kann, diesen Meistern beim Dirigieren zuzusehen.

Die möglichen reizvollen Richtungen, welche die Dokumentation hätte einschlagen können, werden bestenfalls angedeutet: Die Wissenschaft der Filmmusik, die ausgerechnet Musiker Moby erklärt, der Schaffensprozess und die technischen Details, die Zeitperiode zwischen den 60ern und 90ern, in der Pop- und Rockmusik die Filmmusik sogar abzulösen drohte. Mit gerade einmal 90 Minuten Laufzeit kratzt Schrader gerade einmal an der Oberfläche und sein Film fühlt sich mehr wie ein Fanzusammenschnitt an. Das alles macht „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“ zu einer längst überfälligen Lobeshymne einer oft unterschätzten Kunstform, die allerdings als Dokumentation zu sehr mit Erkenntnisreichtum geizt.

 




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