KRITIK

Schweinchen Wilbur und seine Freunde

Schweinchen Wilbur und seine Freunde Im Original heißt dieses keimfreie Dramolett um plappernde Tiere und backende Hausfrauen „Charlotte`s Web“, und zwar zu Recht, denn das Netz einer reizenden Spinne spielt darin die entscheidende Rolle. Der deutsche Verleih hingegen möchte mit dem gewählten Titel lieber plump an die erfolgreichen Filme ums „Schweinchen Babe“ erinnern. Dabei hat Wilbur mit Babe wenig gemein: Wo das australische Schäferschwein einst mit dem weisem Witz des Naiven, mit skurrilen Figuren, schrägen Perspektiven (optisch wie inhaltlich) und einem irreal anmutenden Spielort begeisterte, wirken Wilburs gottesfürchtige Erlebnisse auf einer sauberen (optisch wie moralisch) amerikanischen Farm dagegen bestürzend brav und obendrein gnadenlos kreationistisch in ihrer Naturdarstellung.

Gezeigt wird eine Welt, in der Charles Darwin als Hohepriester des Teufels gilt und Frauen gefälligst so auszusehen haben wie Dolly Parton auf dem Mähdrescher. Das zugrunde liegende Kinderbuch von E. B. White (1952) ist in den USA ein Klassiker, was wohl auch erklärt, dass sich Hollywoodprominenz von Julia Roberts bis Robert Redford als Tier-Sprecher einkaufen ließ. Sie alle bemühen sich, den Farm-Tieren in Wilburs Stall Dialogwitz einzuflüstern, doch das Geschehen plätschert vorhersehbar vor sich hin. Das kleine Ferkel droht am Ende des Jahres als Weihnachtsschnitzel zu enden. Deswegen „schreibt“ die liebe Spinne Charlotte mit ihrer Seide rührende Schweinchenbeschreibungen („wunderbar“, „strahlend“) in ihr Netz, macht Wilbur damit zur Attraktion und am Ende zum gefeierten Teilnehmer eines Schweinewettbewerbs.

Der Wert von Freundschaft und „modesty“ (Bescheidenheit), des Puritaners Kardinaltugenden, prasselt dabei in sülzigem Vermittlungsfuror penetrant auf die Zuschauer ein. Sehnsüchtig denkt man angesichts dieser verkitschten Lieblichkeit immer wieder an George Orwells „Farm der Tiere“, die ja gezeigt hat, welch aufklärerisches Potenzial in Stallbewohner-Stories stecken kann. Aber hier gilt schon ein furzendes Pferd als Ausgeburt des Irrwitzes. Kein Wunder, zeigt der Film doch eine Welt, in der Orwell wahrscheinlich noch verpönter ist als Darwin.



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INHALT

Weil Wilbur zu klein, damit zum frühen Ende im Schlachthaus verdammt ist, nimmt sich Farmertochter Fern des Ferkels an. Doch im Stall ist Wilbur anfangs isoliert. Gänse, Kühe, Pferde und Schafe zeigen die kalte Schulter. Nur die Spinne Charlotte bietet Wilbur ihre Freundschaft an, macht mit Botschaften in kunstvoll gesponnenen Netzen das Schwein zu einer Attraktion und die Tiere im Stall zu einer Einheit.
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