KRITIK

Schultze gets the Blues

Schultze gets the Blues Der erste Spielfilm des Dokumentarfilmers Michael Schorr, einem Pfälzer aus dem Grenzgebiet zu Frankreich. In seinem Erstling ist er mit der Kamera nach Sachsen, in ein kleines anhaltinisches Dorf nahe der Saale gereist und seziert die kleinbürgerliche Welt Deutschlands. Zwei Menschentypen stellt er hier vor: die konservativen Fatalisten und die suchenden Sehnsüchtigen. Die traditionelle Fraktion lebt ihren Trott, ohne ihn zu hinterfragen. Auch Schultze ist zunächst ein typischer Vertreter dieser Spezies: er angelt, wäscht im Schrebergarten seine Gartenzwerge ab und spielt im Musikverein seit über dreißig Jahren die immer gleiche Polka.

Doch als er eines Tages ein neue Musik im Radio hört, ist er infiziert. Infiziert mit der Cajun-Musik, jenem Amalgam verschiedenster Musikstile, die europäische Einwanderer in die Südstaaten der USA mitbrachten. Nun schlägt Schultze radikal der anderen Gruppe, den Sehnsüchtigen zu. Die Hauptfigur bricht auf. Schultze will mehr wissen von der Musik, von seiner Musik und reist in die Staaten.

Bis zu Schultzes Reise in die Staaten trägt der Film deutlich die Handschrift des Dokumentarfilmers Schorr. Dabei ist die Szenerie, die Atmosphäre ernsten Kaurismäki-Filmen nicht unähnlich: Das Land ist öd und leer und Arbeit gibt es nicht, nur das gezapfte Helle und die kleinkarierte Polka-Spießigkeit. Doch bald schon stellen wir fest: Das Gute ist außerhalb deutscher Grenzen und irgendwo innerhalb unserer Herzen, so wie wir uns, unser Jungsein und unsere Neugier erhalten.

Diese Suche gelingt Schorr, trotz einiger Manierismen ganz hervorragend aber auf sehr lakonische, sporadisch meisterhafte Art und Weise. Warum? Weil er einerseits äußerst behutsam mit Naheinstellungen, Inserts und Handkamera spielt und andererseits das deutsche wie amerikanische Seniorenleben als gleichsam trist wie liebenswert kennzeichnet.



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INHALT

Schultze fristet sein Leben seit Jahr und Tag in einem kleinen anhaltinischen Ort nahe der Saale. Bezeichnenderweise einziges Wahrzeichen des Ortes ist ein riesiger Berg aus Kali-Abraum von der nahegelegenen Mine. Schultzes Leben zwischen Arbeit (unter Tage) - dem er seinen chronischen Husten verdankt - und Kneipenbesuch, Schrebergarten, Volksmusik sowie Angeln (über Tage) kommt zu einem vorzeitigen Ende, als er und seine Kumpels Manfred und Jürgen in den Vorruhestand geschickt werden. Während diese sich mehr und mehr dem Nichts ergeben und das Aufrechterhalten der Routine zu einer Farce verkommt, entdeckt Schultze ein Leben hinter dem Berg. Aus seinem polka-geschundenen Akkordeon entlockt der Hobby-Musiker feurige Südstaatenklänge, die die gediegenen Jubiläumsfeiern seines Heimatmusikvereins zu sprengen drohen. Vor die Wahl gestellt, wieder in den gleichen Trott zurückzufallen oder als anhaltinischer Freak zu enden trifft Schultze eine Entscheidung, die ihn bis tief in die Sümpfe und Bayous von Louisiana führen wird...und zurück...
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