KRITIK

Schüler der Madame Anne, Die

Bild (c) Neue Visionen Filmverleih.

Bild (c) Neue Visionen Filmverleih.

Nach Monsieur Mathieu, Monsieur Claude, Madame Michel, Madame Mallory und Madame Marguerite kommt mit „Madame Anne“ schon die nächste französische Figur ins Kino, die ein frei herbeifantasierter deutscher Verleihtitel zur putzigen Titelperson macht: Französisches Wohlfühlkino, was wärst du ohne deine Madames und Messieurs? Madame Anne also ist in diesem Film, der im Original schlicht „Les héritiers“ (Die Erben) heißt, die neue Lehrerin einer von vermeintlich allen guten Geistern, auf jeden Fall aber vom Rest des Kollegiums längst aufgegebenen Chaos-Klasse an einer schlecht ausgestatteten Schule in der Pariser Ban­lieue. Die vorwiegend aus dem Maghreb stammenden Schüler haben in Créteil kaum eine Chance auf vielversprechende Bildungsabschlüsse und geben sich deshalb als undurchdringliche Wand aus Gemotze, Gefrotzel, Handgreiflichkeit sowie aggressivem Desinteresse.

Die leidenschaftliche Lehrerin Madame Anne aber, herzerwärmend optimistisch gespielt von der immer sehenswerten Ariane Ascaride („Der Schnee am Kilimandscharo“), setzt auf gegenseitigen Respekt und meldet ihre 11. Klasse bei einem nationalen Geschichtswettbewerb zum Thema Holocaust an. Und siehe da: Beim gemeinschaftlichen Arbeiten an einem – freiwilligen – Projekt über Kinder und Jugendliche in Konzentrationslagern weicht die höhnische Haltung echtem Engagement und emotionalem Zugang. Eine Gedenkstätte wird besucht, ein greiser jüdischer Zeitzeuge getroffen.

Szene_schuelerdermadameanneDas Drama wirkt wie ein didaktisches Märchen, behauptet aber verkaufsförderliche Authentizität, indem er „auf einer wahren Geschichte“ basiert. Schauspieler Ahmed Dramé, der auch den jungen Malik spielt, hat diese Geschichte selbst erlebt. Er gab den Anstoß zum Film und schrieb sogar am Drehbuch mit.

Trotzdem wirkt in der Inszenierung von Marie-Castille Mention-Schaar („Willkommen in der Bretagne„) alles irritierend heimelig und aufgeräumt. Die teils prekären familiären Hintergründe der Schüler bleiben durchweg Skizze, der Alltagsrassismus, der den schwarzen und/oder muslimischen Migrantenkindern widerfährt, wird nur dezent angedeutet, im Gegenzug lösen sich auch antisemitische Vorurteile unter den Schülern am Ende wohlfeil in Luft auf. Das ist gerade noch okay für zwei Stunden pädagogisches Erbauungskino mit unvermeidlichem Pathos-Finale, letztlich aber doch zu simpel, um wahr zu sein.

 

 

 



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INHALT

Ein Leben im Pulverfass: die 11. Klasse des Pariser Léon Blum Gymnasiums ist im wahrsten Wortsinn vielfältig. Doch tummeln sich hier viele, die wissen, dass sich der Rest der Welt nicht für sie interessiert. Der junge Muslim Malik, die aggressive Mélanie oder der stille Théo nehmen nicht teil am Wohlstand der Mitte und sie haben sich damit abgefunden. Das Klassenzimmer ist ihre politische Bühne, hier begegnen sich mit voller Wucht kulturelle und persönliche Konflikte. Etwas zu lernen, scheint reine Zeitverschwendung. Als die engagierte Lehrerin Anne Gueguen die Klasse übernimmt, begegnen ihr selbstbewusster Unwille und große Provokationslust. Doch die kluge Frau versteht es, mit geschickten Fragen die Muster der Jugendlichen zu durchbrechen. Ohne mit der Wimper zu zucken, meldet sie die Klasse bei einem renommierten, nationalen Schülerwettbewerb an. Mit großer Beharrlichkeit gelingt es ihr, die Schüler in eine gemeinsame Aufgabe zu verwickeln. Obwohl die meisten sich noch nie mit Geschichte befasst haben, entdecken die Jugendlichen, dass die längst vergangenen Schicksale auch ihnen viel zu erzählen haben. Für sie beginnt eine Reise in die Vergangenheit, die sie schließlich zu einer Gemeinschaft macht. Mit viel Sensibilität zeigt ihnen Madame Anne, dass sie Teil von etwas viel Größerem sind. (Text: Neue Visionen Filmverleih)
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