KRITIK

Schmetterling und Taucherglocke

Schmetterling und Taucherglocke „Gibt es in diesem Kosmos einen Schlüssel, um meine Taucherglocke aufzuriegeln?“ Diese Frage ohne Antwort steht am Ende des Bestsellers „Schmetterling und Taucherglocke“ von Jean-Dominique Bauby. Das Buch außergewöhnlich zu nennen, wäre eine charmante Untertreibung, allein seine Existenz ist eine Sensation. Denn Bauby, der mal Chefredakteur des Magazins „Elle“ und als solcher wohl ein unsympathischer Weiberheld war, litt nach einem Schlaganfall im Alter von 42 Jahren am Locked-In-Syndrom. Er war vollständig gelähmt und sprachunfähig, dabei aber wachen Geistes – im eigenen Körper lebendig begraben.

Nur Blinzeln konnte er noch, und auf diese Weise diktierte Bauby nach einem speziellen Alphabet-System seinen abgründig komischen und tief bewegenden Erfahrungsbericht aus der Krankenhaushölle. Kaum zu ermessen, welche Kraft ihn das gekostet haben muss. Und eigentlich noch unvorstellbarer, ein solches Buch, das doch nur aus Reflexionen, aus Momentaufnahmen zwischen Schicksalsspott und Verzweiflung besteht, zu verfilmen.

Der Maler und Regisseur Julian Schnabel wagt es trotzdem. Und gewinnt. Schnabel, der zuvor das Graffiti-Biopic „Basquiat“ und das Dichter-Drama „Before Night Falls“ inszeniert hat, Filme, in denen die Leidenspose des Künstlers bis an die Grenze des Kitsches stilisiert wird, nimmt sich dabei sehr zurück. Mit Kameramann Janusz Kaminski begibt er sich ganz in die Kopfwelt Baubys, lässt uns – anfangs nur blinzelnd, unscharf – durch die Augen dieses aus der Welt Geworfenen blicken. Es dauert eine Weile, bis man Mathieu Amalric, der den Bauby spielt, zum ersten Mal überhaupt zu Gesicht bekommt. Zuvor sieht man, Buñuel ist nichts dagegen, wie ihm zum Schutz vor Infektionen ein Auge zugenäht wird.

Die subjektive Perspektive strengt an, beschert unerträgliche Szenen, aber anders wäre der Film nicht denkbar. Schnabel bewahrt zudem den lakonischen Ton der Vorlage, der falsches Mitleid verbietet und einen tiefschwarzen Humor befeuert. Wenn etwa ein Pfleger den Fernseher im Krankenzimmer mitten in einem Fußballspiel ausmacht. Und keiner den Protest hört.



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INHALT

Als Jean-Dominique Bauby 1995 erwacht, realisiert er nach und nach, dass er einen Gehirnschlag erlitten hat. Ein Schock für den vitalen Chefredakteur der französischen Elle, bei dem mit 43 Jahren das unheilbare "Locked-in-Syndrome" diagnostiziert wird. Seine einzige Kommunikationsmöglichkeit ist sein linkes Auge, mit dessen Lidschlag er beginnt, seine Memoiren zu diktieren. Er mobilisiert alle Kraftreserven, um seine Erfahrungen mit poetischer Schönheit festzuhalten.
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Eure Kritiken zu Schmetterling und Taucherglocke

  1. Katha

    Ein wichtiger, ein toller Film, unbedingt sehenswert!

  2. nina

    ja, ich schließe mich an. es ist ein unglaublich guter film. die bilder, die musik, alles. dennoch würde ich davor warnen, denn der film tut weh. man kann ihn nicht einfach zur unterhaltung gucken, und das sollte man wissen. das dahinter stehende schicksal geht nah, und auch durch die einzelnen amüsanten momente wird der film nicht leicht.

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