KRITIK

Schloss im Himmel, Das

Schloss im Himmel, Das Weil Disney selbst nicht mehr allzu oft Maßstäbe setzende Filme ins Kino bringt, handelt sich die Maus-Firma nun anderweitig allergrößtes Lob und Dankeschön ein: Die Verleihtochter Buena Vista hat nun „Das Schloss im Himmel“ auf unsere Leinwände befördert, ein Zeichentrick-Frühwerk des genialen Japaners Hayao Miyazaki. Der Mann ist bekanntlich mitverantwortlich für die weltberühmte „Heidi“-Optik in klassischer 2D-Animation: Kulleraugen und offen stehende Münder. Trotz dieser scheinbaren Naivität verpackt Miyazaki in dieserlei Zeichenwelt immer wieder epische, detailreiche und äußerst wunderbare Geschichten. „Prinzessin Mononoké“, „Chihiros Reise ins Zauberland“ und „Das wandelnde Schloss“ hießen seine letzten drei Meisterwerke, die ihn auch international berühmt machten. Schön also, dass Buena Vista nun ein 20 Jahre altes Werk von Miyazaki zu Kinoehren führt, das den aktuellen Filmen kaum nachsteht.

Auch diese Geschichte ist wieder in einer Märchenwelt angesiedelt, die irgendwo zwischen Mittelalter-Fantasy und Science Fiction schwebt und mechanistisch-industrialisierte Maschinenwelten mit zauberhaften Landschaften und mystischem Zukunftshokuspokus mixt. Außerdem steht wieder einmal ein kleines Mädchen im Mittelpunkt: Sheeta wird am Anfang von sinistren Regierungsmenschen in einem fliegenden Zeppelin eskortiert, fällt dann aber, als sie von vermeintlich bösen Piraten entführt zu werden droht, über Bord und der Erde entgegen. Zum Glück trägt sie einen blauen „Flugstein“ um den Hals, der sie sanft zu Boden gleiten lässt – jenes edle Artefakt ist es auch, das das Mädchen für Fremde so begehrt macht. Bevor sie das Mysterium aber aufdecken kann, lernt sie am Ort ihrer Landung den freundlichen Arbeiterjungen Pazu kennen, der sie fortan auf ihrer Flucht vor den Finsterlingen begleitet. Es stellt sich schnell heraus, dass die wirkliche Gefahr von den Regierungsleuten (angeführt von dem verdächtig vornehmen Herrn Muska) und dem Militär ausgeht, und keineswegs von den Piraten. Diese stellen sich als eine trottelige Herrenbande unter Anführung einer schreckschraubenhaften Mutterhexe Dora heraus – der Dalton-Bande in den „Lucky Luke“-Heften nicht unähnlich. Nach einiger Zeit schließen sich Pazu und Sheeta dieser Piratentruppe sogar an, um den niederträchtigen Zielen der Gegner zuvorzukommen: Sehnsuchtsort und Ziel der Gier ist nämlich in beiden Fällen das sagenumwobene fliegende Schloss „Laputa“, das niemand außer Pazus Vater bislang je gesehen hat. Dort sollen sich der Legende nach massenweise Juwelen befinden (deswegen wollen die Piraten dahin) und außerdem der Schlüssel zur Weltherrschaft (deswegen will Herr Muska dahin). Sheeta scheint die einzige leibliche Nachfahrin der königlichen „Laputa“-Bewohner zu sein, und nur sie in Verbindung mit dem Flugstein kann den Weg dorthin finden…

Wie gewohnt kann man seine staunenden Augen nicht von der Leinwand wenden, wenn Miyazaki sein abenteuerliches Geschehen entblättert. Actionreiche Verfolgungsjagden auf Erden, wilde Luftritte im Himmel und ein atmosphärisch entrücktes Schlussdrittel in den Parks und Katakomben des fliegenden Schlosses – jede neue Szene wartet mit neuen spektakulären Momenten auf. Wobei das Spektakuläre hier mehr im Erfindungsreichtum und in der Phantasie der Story liegt als in nie gesehener Zeichentechnik: Die zwanzig Jahre merkt man dem Film durchaus an („Das wandelnde Schloss“ hatte in dieser Hinsicht mehr zu bieten), aber das macht nichts. Denn die überbordende Detailverliebtheit Miyazakis mit all seinen sonderbaren Figuren und Schauplätzen vom Roboter-Gärtner bis zur Unterwasserstadt lassen keinen Moment der Langeweile aufkommen. Und in besonders schicksalhaften Augenblicken blendet der Meister-Animator aus Nippon einfach den Ton aus – und wir genießen das pure, visuelle Erlebnis. Muss man sehen.



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INHALT

Sheeta besitzt einen Kristall, der den Weg zum sagenumwobenen Schloss im Himmel weist. Wer das Schloss und seine Reichtümer erobert, kann die Weltherrschaft erreichen. Und so verfolgen Piraten und Regierungstruppen das Mädchen und den Jungen Pazu, der hofft seinen verschwundenen Vater im Schloss wieder zu finden.
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Eure Kritiken zu Schloss im Himmel, Das

  1. Twickers

    KlassikerEs war schon ein Glücksgefühl als auch die alten Filme des Studios Ghibli hier auf DVD rauskamen, aber einen der Klassiker nochmal auf der großen Leinwand zu sehen zwischen dem Entstehen der neuen Werke („Tales from Earthsea“ steht nach „Howl“ ja schon in den Startlöchern).

    Laputa, das Land in den Wolken, fand schon in Gullivers Reisen von Swift Erwähnung, doch nahmen sich Miyazaki und sein Team die Freiheit aus diesem Mythos ein Abenteuer ganz eigener Natur zu machen mit den typischen Elementen – mutige Kinder, der Wert der Freundschaft, wunderschöne Landschaften, bewegende Musik zur richtigen Stimmungssetzung, fantastische Fabelwesen und Bösewichter, die auch mal ein gutes Herz haben.

    Auch nach 20Jahren büßt der Film nichts von seinem Zauber ein und kann mit den Animationen überzeugen, da Ghibli dem Charakterdesign immer treu geblieben ist und keine Alterserscheinungen aufweißt. Durch die Ortswechsel und liebevollen kleinen Details vergehen die knapp zwei Stunden ohne Längen.

    Animefans dürfen sich freuen, dass die gewählten deutschen Stimmen größtenteils wunderbar passen. Nur muß man sich besonders an Sheeta sehr gewöhnen, die leider erst zum Ende hin zeigt, wie viel Kraft dahinter steckt. Aber endlich scheint das westliche Publikum die Vorurteile gegenüber animierten Filmen als reine Kinderunterhaltung fallen zu lassen – denn auch Erwachsene können sich in der Welt Laputas verlieren und dem Zauber hingeben.

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