KRITIK

Schlösser aus Sand, Die

Bild (c) 2017 Film Kino Text.

Kann man sich in einen Film verlieben? Auch wenn er nicht perfekt ist? Oder gerade weil er nicht perfekt ist, dabei aber ungeheuer charmant? „Les châteaux de sable“, wie das Werk im Original heißt, gehört in diese Kategorie des unperfekten Charmeurs. Der erst zweite Spielfilm des französischen Schauspielers, Drehbuchautoren und Regisseurs Olivier Jahan erzählt die kurze Geschichte eines Ex-Paares, das für einige Tage noch einmal zusammenkommt, weil ein Familienmitglied verstorben ist und ein Hausverkauf abgewickelt werden muss.

Es ist die Geschichte von Eléonore und Samuel, später nur kurz Léo und Sam genannt. Die freiberufliche Fotografin (Emma de Caunes) und der Dozent der Geschichte (Yannick Renier) waren einmal ein Paar. Fünf Jahre lang. Und die Betonung liegt auf „waren“. Weil dies aber keine charmante Ausgangsposition für ein romantisches Drama ist, hat sich der Autor und Regissuer Jahan für eine Off-Erzählerin entschieden, die das Verhältnis der beiden Hauptdarsteller in offenen Worten gleich zu Beginn fast literarisch beschreibt. Von „sie liebte ihn wegen seiner analytischen Herangehensweise“ ist da die Rede oder „er mag sie immer noch, obwohl sie ihn so verletzt hat.

Léo hatte Sam wegen eines Musikers verlassen. Das ist mehrere Monate her. Trotzdem kam Sam der Bitte seiner Ex-Freundin nach, mit ihr von Paris in die Bretagne zu fahren, um das Haus ihres verstorbenen Vaters zu verkaufen. In der ersten Szene sitzen beide schweigend im Auto. Sie wissen, dass die Fahrt an die Küste auch eine Fahrt in ihre Vergangenheit ist, denn in dem wunderschönen Haus von Léos Vater hatten sie „viele glückliche Sommer verbracht„. Léo, die auf das Geld aus dem Verkauf angewiesen ist, versucht mit kleinen Neckereien die Stimmung zu lockern. Aber Sam, der pflichtbewußt und inzwischen wieder neu verliebt seine Rolle des Helfers und Ex-Freundes tapfer erfüllt, lässt garnicht erst zu, dass beide in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen können.

Die Zeit drängt, weil die beauftragte Immobilienmaklerin Claire (Jeanne Rosa) mehrere potentielle Käufer durch das Haus schicken möchte, um den Kauf so schnell wie möglich abzuwickeln. Ein Anwesen mit viel Geschichte – und vielen Geschichten, dem neues Leben eingehaucht wird … Der alten Beziehung zwischen Léo und Sam vielleicht auch? Oder liegt das Paradies wirklich hinter ihnen, wie der Off-Kommentar gleich zu Beginn beteuerte? Dass Léo in der Gegenwart und Sam in der Vergangenheit leben (wie es einmal heißt) und die Beziehung garnicht klappen kann, will man den charmant skizzierten Figuren nicht abnehmen.

Zu deutlich sind die Blicke füreinander, zu streng das Auge von Léo, wenn Sam mit seiner neuen Freundin Laure (Gaelle Bona) per Skype die Verbundenheit heraufbeschwört. In diesen Szenen liegen viel Wahrheit, viel Wärme und zum Glück wenig Kitsch und Pathos. Ende und Neuanfang, Trauer und Hoffnung. Obwohl Jahan nur wenig Handlung bereitstellte, gelingt ihm mit seinen hervorragenden Darstellern eine beeindruckend stimmungsvolle Rauminszenierung. Die Stimmung gleitet dabei nie ins Melodramatische ab, auch weil die Figuren an mehreren Stellen aus ihrer Rolle heraustreten und zum Publikum sprechen – und damit das Gefühl von Ratlosigkeit durch ihre Unfähigkeit, das eigene Handeln zu fassen, eher noch befeuern.

Dass das Perfekte manchmal im Unperfekten liegen kann, beweist der Film „Die Schlösser aus Sand“ durch die vielen kleinen Fehler, die sich in Jahans Kammerspiel wie an einer Perlenkette aufgezogen dem Zuschauer präsentieren. Gleich zu Beginn werden die Reminiszenzen zu großen Vorbildern offenbar, beginnend mit dem Off-Kommentar, der nicht zuletzt an Francois Truffauts Adaption „Jules und Jim“ erinnert, bei Jahan jedoch sehr viel trivialer klingt, und die anfänglichen Bilder zu bloßen Begleiterscheinungen degradiert.

Flachere Elemente wie die Fotosammlung im Keller des Vaters mit Portraits seiner letzten Freundin, die wenig später plötzlich im Haus steht oder die teils skuril skizzierten potenziellen Käufer des Anwesens sowie die fast komödienhaft auftretende Immobilienmaklerin sind Verfremdungsmittel, die der Film nicht nötig gehabt hätte.

Aber in dieser nicht perfekten Erzählung vom Abschied und vom Neubeginn liegt so viel Wahrheit und Wärme, so viel unverstellter Blick, das man ihr die Reminiszenzen, den flachen Versöhnungsplot und die teils komödienhaften Figuren gerne verzeiht. Genau wie in einer zurückliegenden Beziehung. Wenn man Dinge zum letzten Mal tut, wird fast alles verziehen. Nun kann ein neues Kapitel beginnen.

 

 

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Eure Kritiken zu Schlösser aus Sand, Die

  1. Thomas

    Guter Film

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