KRITIK

Schatten der Zeit

Schatten der Zeit
Im Indien der ausgehenden Kolonialzeit verlieben sich zwei Menschen unsterblich ineinander. Der 11-jährige Ravi, der von seinen Eltern an eine Teppichfabrik nahe Kalkutta verkauft wurde und dort unter lauter gleichaltrigen Kindersklaven von früh bis spät schuften muss, und das schöne Mädchen Masha, ebenfalls vom eigenen Vater für einen Spottpreis an den fiesen Fabrikbesitzer verscherbelt, entflammen füreinander und schwören sich, so naiv und rein, ewige Treue.

Es ist eine herzzerreißende Charles-Dickens-Welt, die der deutsche Regisseur Florian Gallenberger da in seinem Spielfilmdebüt entwirft. Lauter kulleräugige, pittoresk verschmuddelte Waisen rackern klaglos an Spindelmaschine und Webstuhl und sinken des Nachts todmüde in ihre Kojen, während die Erwachsenen, allesamt Heuschrecken-, ja sogar Raubtier-Kapitalisten, sie noch um die paar sauer verdienten Rupien prellen. Doch vom Sozialdarwinismus fernöstlicher Provenienz will Gallenberger eigentlich gar nicht erzählen, so gut ihm die monsunzerzausten Elendsquartiere auch gefallen, nein, er hat vielmehr das ganz große Bollywood-Kino im Sinn, ohne Schleier-Tanz und Sitar-Gesang zwar, dafür mit mehr emotionalen Höhen und Tiefen, als die stärkste Seifenoper verkraften würde.

Knabe Ravi, die gute Seele, kauft Masha von seinem Ersparten frei, um sie vor den Avancen eines bösen Onkels zu bewahren, und schickt sie nach Kalkutta. Beide geloben noch, sich so bald als möglich bei Vollmond am größten Tempel Shivas wiederzutreffen. Aber ach, eine höhere Macht, nennen wir sie verlegenheitshalber Schicksal, weiß das zu verhindern. Masha wird Kurtisane, Ravi steigt zum erfolgreichen Teppichkaufmann auf, bloß das gemeinsame Glück bleibt ihnen verwehrt. Doch noch ist nicht aller Tage Abend, denn sie finden und verlieren sich, finden und verlieren sich, so geht das immerfort, bis ins hohe Alter, wie eine dramaturgisch ziemlich unergiebige Rahmenhandlung zu berichten weiß.

Ja, es ist ein sagenhafter Kitsch, den Gallenberger und sein Kameramann Jürgen Jürges da in satten Farben auf die Leinwand klatschen, aber die gefühlspralle Konsequenz, mit der diese geigenumfiedelte Kalkutta-Mär aus Tausendundeiner Nacht daherkommt, sowie die Unverschämtheit, mit der hier exotische Reize gefeiert werden, nötigen schon fast wieder Respekt ab. Ganz abgesehen davon, dass die indischen Schauspieler ihre Parts sehr passabel bewältigen, besonders die kindlichen Laiendarsteller.

Am Ende dann heißt es Rückschau halten auf ein Leben, das von blinder Liebe bestimmt war. Bollywood, mon amour, scheint Gallenberger da zu wispern.



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INHALT

Indien vor der Unabhängigkeit. Als Kinder arbeiten Ravi und Masha in einer Teppichfabrik. Als sie sich trennen müssen, versprechen sie einander, sich an einem vereinbarten Treffpunkt regelmäßig zu suchen. Jahre später finden sie sich, sind aber in Ehen mit ungeliebten Partnern gebunden. Für kurze Zeit scheint diese große Liebe eine Chance zu bekommen, bis Ravi eine verhängnisvolle Entscheidung fällt.
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Eure Kritiken zu Schatten der Zeit

  1. Manni

    Ein guter Film aus deutschen Landen!

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