KRITIK

Satte Farben vor Schwarz

Satte Farben vor Schwarz Anita und Fred sind seit fast 50 Jahren glücklich verheiratet. In der ersten Szene des Films sitzen sie am gemeinsamen Frühstückstisch – und schweigen. Er bestreicht ein knuspriges Toast, sie rollt die Augen und liest in der Zeitung. Es scheint ihnen an nichts zu fehlen. Das Ehepaar bewohnt ein großes Haus, Sohn und Tochter sind erwachsen und die Enkeltochter steht kurz vor dem Abitur. Die Kamera beobachtet die beiden – minutenlang. Obwohl sich Fred nur schwer aus seiner beruflichen Verantwortung lösen kann, hat er sich eine eigene Wohnung ganz in der Nähe seines Büros gekauft und freut sich auf seine einsamen Stunden. Gelegentlich schaut er noch einmal im Büro vorbei und hält einen Plausch mit den neuen Verantwortlichen.

Anita und Fred, das sind hier Senta Berger und Bruno Ganz. Zwei Lichtgestalten in der deutschen Filmlandschaft. Obwohl beide jeweils in weit über 50 Filmen mitwirkten, hat man sie noch nie gemeinsam, geschweige denn als Ehepaar, vor der Kamera gesehen. Ein Novum. Ein Novum in der deutschen Filmlandschaft ist auch, dass eine junge Filmhochschul-Absolventin mit zwei so herausragenden, erfahrenen Darstellern ein derart (im folgenden skizziertes) heikles Thema umsetzen darf. Denn, und das merkt der Zuschauer sehr viel später, es wird keine Geschichte erzählt, sondern in der Betrachtung wird es darum gehen, im Alter eine Option zu haben. Und es wird um das Gefühl gehen, am Ende eines Lebens „satt“ zu sein. In den kurzen 85 Minuten geht es also um die Option, im Alter eine eigene, egoistische Entscheidung treffen zu können.

Um Anita und Fred allein geht es nicht, wie vielfach geschrieben wird, ihre Geschichte, ihre Vorgeschichte, oder gar an ihrem Leben ist die junge Regisseurin Sophie Heldmann weniger interessiert. Auf Gespräche, Regungen, Leidenschaften wird man vergeblich warten, sie werden der guten Erziehung der Protagonisten untergeordnet. Aus diesem Grund wird der Zuschauer nie erfahren, ob ihre Ehe glücklich ist oder war, ob es Schicksalschläge gab oder sonstige besondere Vorkommnisse im fast 50jährigen Zusammensein. Kleine Regungen der weit unterforderten Darsteller müssen reichen.

Mit den Mitteln des „Direct Cinema“, mit sekundenlangen Einstellungen, nur ganz spärlich eingesetzter Filmmusik und wenigen Dialogen beschreibt Heldmann eine Situation. „Wir wollten den Alltag eines älteren Ehepaares so authentisch wie möglich beschreiben“ wird Hauptdarstellerin Senta Berger in einem Interview zitiert. Im Rückblick auf das Gezeigte kann man diese Vorgehensweise auch darstellerisches Füllen von Leerstellen und Überbrückung eines unvollständigen Drehbuchs nennen. Nebendarsteller wie Barnaby Metschurat oder Leonie Benesch (aus „Das weiße Band“, die hier die naive Enkelin darstellt) betreten wie Fremdkörper die Szenerie und verschwinden wieder. Warum die Regisseurin auf die Randfiguren nicht verzichten wollte, bleibt nicht die einzige unbeantwortete Frage. Oder ist das (wenig) Gezeigte doch eine gelungene Umsetzung der Ambivalenz zwischen Zurückhaltung und Entscheidungskraft?

Mit „Wir haben oft zu festgefahrene Vorstellungen darüber, was eine Emotion zu sein hat und welcher Gestus mit einer Emotion verbunden ist“ versuchte die 37jährige Regisseurin ihre Vorgehensweise zu erklären, „es gibt große Wärme, die manchmal mit einer gewissen Kälte verbunden ist und umgekehrt.“. Nur, und die Frage muss an dieser Stelle erlaubt sein, was soll der Darsteller mit seinem Schauspiel vor der Kamera ausdrücken? Leere? Zufriedenheit? – Die inszenatorische Reduktion auf das Wesentliche ist vor dieser Thematik die große Schwäche des Films. Es fehlen die dunklen Momente, die Charakterisierungen, der Austausch und der Hintergrund für die finite Tat. So bleibt der Film eine schnöde Betrachtung. Mit einer fast dokumentarischen Herangehensweise an eben diese, für die es keine Berechtigung gibt. Und die unter einer lebensbejahenden Betrachtung schlichtweg als „feige“ bezeichnet werden muss.

Am Ende wird sich die entschlussfreudige, resolute Anita (Senta Berger), die wenige Augenblicke zuvor ihren Ehemann verlassen hatte, um in einer Altersresidenz ihren Lebensabend zu verbringen, zu ihrem Fred aufs Sofa setzen und sie werden sich die Spritze geben.



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INHALT

Anita und Fred sind seit 50 Jahren ein Paar und fast genauso lange glücklich verheiratet. Sie haben zwei erwachsene Kinder, die Enkelin steht kurz vor dem Abitur. Beide können nicht nur auf ein erfülltes Leben zurückblicken – sie sind noch mittendrin. Dass Fred schwer krank ist, haben sie ihrer Familie bislang verheimlicht. Erstmals in all den Jahren nimmt Fred sich nun Freiheiten heraus, die seine Frau vor den Kopf stoßen. Zum ersten Mal fühlt Anita sich allein gelassen und stellt ihre Beziehung in Frage. Doch eine Liebe wie die ihre endet nicht einfach so. Sie soll niemals enden…
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Eure Kritiken zu Satte Farben vor Schwarz

  1. midheaven

    Meiner Ansicht nach wird der Zuschauer angeregt, den Austausch, die möglichen Gespräche und Verzweiflungsmomente selbst zu „erarbeiten“ und das im Nachhinein. Interessante ruhige Momente der Betrachtung ohne das unendliche Geschwafel, mit dem wir Menschen unsere wertvolle Zeit vergeuden und vielen Situationen ihre tiefe Ernsthaftigkeit rauben. Ohne Pathos taucht S. Heldmann in das Thema ein und nicht in die Menschen oder einen Film eben. Übrigens herausragend gespielt von Berger und Ganz. Die fast dokumentarische Herangehensweise an eben diese „Lösung“ legt dieses Tabu-Thema seziert vor den Betrachter und lässt Raum für die Entwicklung der eigenen Sichtweise. Wer solch eine Situation, schwere Krankheiten nicht kennt, nie erlebt hat und dazu evtl. noch jung ist, kann solch eine Tat nur als feige bezeichnen. Möge er nie vor solch einer Entscheidung stehen müssen.

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