KRITIK

Russendisko

Plakat zum Film RussendiskoAls der autobiographische Roman „Russendisko“ anno 2000 zum Bestseller wurde, lag die Zeit, von der Wladimir Kaminers lakonische Kolumnensammlung handelte, bereits ein Jahrzehnt zurück. 1990 war der Autor als junger russischer Jude nach Ost-Berlin gezogen, in eine DDR, die sich nach dem Mauerfall in Auflösung befand. Die kurzen Szenen des Buches erzählen amüsant von allerlei Alltagskuriositäten zwischen Halbwelt und Bürokratenhölle, die Kaminer damals, im plötzlich ungeteilten Berlin, widerfahren sein mögen – in einer ruinösen Stadt, in deren verfallenden Leerräumen und Brachflächen sich schwarmartig die Subkulturen der Bohème breit machten. Zwölf Jahre nach dem Buch bringen Christoph Hahnheiser und seine „Black Forest Films“ die Romanverfilmung in die Kinos.

Der Aufbruch von 1990 ist längst historisch, die Leerräume sind gefüllt und durchgentrifiziert. Nur Kaminers „Russendisko“ steigt nach wie vor im Kaffee Burger. Aber was macht Regiedebütant Oliver Ziegenbalg? Er, der als Autor zuvor Trash wie „1 ½ Ritter“ verantwortete, zuletzt aber den Überraschungs-Hit „Friendship!“ schrieb, schiebt die losen Storys des Buches zu einer künstlich kohärenten Handlung zusammen, die jedoch kaum mehr sein darf als eine beliebige Anekdotensammlung. Kaminer muss sich im Film in eine Tänzerin namens Olga verlieben, zwei Freunde stehen ihm dabei zur Seite.

Szene aus dem Film RussendiskoDem einen, dem Musiker Mischa, droht die Abschiebung, den anderen, Andrej, peinigen Heimweh und dostojewskische Schwermut. Erst verkaufen sie Dosenbier, dann legen sie sich mit der vietnamesischen Zigarettenmafia an, am Ende wird die Russendisko gegründet. Dazwischen gibt es sehr viel Klamauk der harmlos-blödelnden, unbedingt widerhakenfreien Art.

Aller Russen-Schlager auf dem Soundtrack zum Trotz: Kaminers Charme stellt sich hier nie ein. Das liegt schon daran, dass die drei von Deutschen gespielten Russen von Anfang an akzentfrei Deutsch sprechen – eine fatale Entscheidung, lebte das Buch doch gerade von seinem liebevoll irritierten Außenblick auf den Berliner Alltag.

Zudem spielt Til-Schweiger-Schüler Matthias Schweighöfer in der Kaminer-Hauptrolle bloß seinen aus „What a Man“, „Zweiohrküken“ oder „Rubbeldiekatz“ bekannten Stiefel runter. Das mag gewiss die Fans anlocken – mit Kaminers Russendisko hat es wenig zu tun.

  



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Russendisko

  1. Pingback: medienMITTWEIDA ::: Artikel » Wenig Russisch und viel Schweighöfer

  2. korinja

    Ich mag die Bücher von Kaminer aber den Film fand ich überhaupt nicht gut.
    Keiner der drei Schauspieler konnte einen überzeugenden Russen spielen.
    Klar ist Matthias Schweighöfer berühmt, und hat durch seine Hauptrolle die meisten Menschen in Kinos gelockt, aber auch er konnte keine „russische Seele“ zum Ausdruck bringen.Es müsste eigentlich jemand wie Kaminer die Rolle spielen. Jemand mit einem schönen und witzigen Akzent.
    Mir gefielen auch die vulgären Ausdrücke in dem Titellied in russischer Sprache nicht. Selbst wenn die meisten Leute sie nicht verstehen, hätte man sie weglassen können.
    Otschen Ploxo!

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*