KRITIK

Requiem

Requiem Hans-Christian Schmid könnte von einem spektakulären Exorzismusfall erzählen, der sich in den 70er Jahren in Deutschland zugetragen hat, im kruzifixbraven Spitzendeckchenmilieu der bayerischen Provinz. Von einer jungen Frau, die Anneliese Michel hieß und noch heute als Märtyrerin verehrt wird, weil sie glaubte, von Dämonen besessen zu sein und nach einer mehrwöchigen, im Namen der katholischen Kirche vollzogenen Teufelsaustreibung qualvoll starb. Selbst in Hollywood haben sie dieses Schicksal entdeckt und den Film „Der Exorzismus der Emily Rose“ daraus gemacht, ein Psycho-Gerichtsdrama, das effekthascherisch mit dem Übersinnlichen flirtet. Hans-Christian Schmid, der aus dem Wallfahrtsort Altötting stammt, interessiert sich nun aber nicht für finsteren Aberglauben und schwarze Messen, sondern für den Menschen, der da zu Tode kam.

Michaela Klingler hat Schmid seine tragische Heldin genannt und ihre Passionsgeschichte in den traurig-schönen Satz gefasst: „Sie wollte so wahnsinnig wenig.“ Michaela, die von der phänomenalen Sandra Hüller in ihrer ersten Kinorolle gespielt wird, wächst in der schwäbischen Provinz auf und leidet an schwerer Epilepsie. Während anderswo die Studentenunruhen der 68er-Revoluzzer toben, wünscht sie sich bloß, Sozialpädagogik in Tübingen zu studieren und ergattert, ein Euphoriemoment, tatsächlich einen Platz an der Uni – zum Unwillen ihrer lieblosen Mutter, die nichts als Sorgen kennt und schon mal eine befleckte Schürze vorschiebt, um die Tochter nicht umarmen zu müssen. Nach Kräften unterstützt vom hilflosen Vater (Burghart Klaußner), der Michaela eine Schreibmaschine schenkt und sie ins Studentenwohnheim fährt, dessen Zimmerfenster das Mädchen aufstößt wie das Tor zur neuen Welt. Sie studiert verbissen, sie tanzt auf Erstsemesterpartys zu Deep Purples „Anthem“, sie lernt einen Freund kennen. Doch die Krankheit verschlimmert sich, damit einhergehende Wahnvorstellungen nehmen zu.

Die Berlinale-Gewinnerin Sandra Hüller stürzt sich entgrenzungsbereit, gratwandernd zwischen Hoffnungsschimmer und Höllenqual, in die Psychose. Sie nimmt Michaela dabei in ihrem christlichen Glauben ernst. Die Dämonen entsteigen in Schmids großartigem Porträt einer verlorenen Seele allein der häuslichen Enge. Im passenden Moment blendet der Regisseur aus: „Ich hätte nicht sehen wollen, wie sie stirbt …“



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INHALT

Anfang der 70er Jahre. In einem streng katholischen Elternhaus aufgewachsen, zieht Michaela Klinger mit 21 Jahren nach Tübingen, um dort Pädagogik zu studieren. Während sie in ihrem Vater einen Verbündeten hat, der ihr den Rücken stärkt, sieht die besorgte Mutter, die ihre an Epilepsie erkrankte Tochter in einen engen Kokon aus Verboten und Vorsichtsmaßnahmen einzuspinnen versucht, dem Studium mit gemischten Gefühlen entgegen.

Glücklich, das kleinbürgerliche Umfeld hinter sich gelassen zu haben, genießt Michaela die neue Freiheit und findet in Hanna und Stefan schnell Freunde an der Uni. Doch Michaela wird von ihrer Vergangenheit eingeholt: Trotz ärztlicher Behandlung hat sie immer öfter mit epileptischen Anfällen und Wahnvorstellungen zu kämpfen. Sie hört Stimmen und glaubt, von Dämonen besessen zu sein. Als Hanna sie eines Morgens bewusstlos zwischen umgestoßenen Möbeln im Zimmer ihres Studentenwohnheims findet, kann Michaela ihrer Freundin die schwierige Vergangenheit, die sie hinter sich lassen wollte, nicht länger verheimlichen.

In ihrer Verzweiflung sucht Michaela dort Hilfe, wo sie es gewohnt ist: in der Kirche ihres Heimatortes und bei ihrem Vertrauten, dem Dorfpfarrer Landauer. Landauer macht sie mit einem Kollegen bekannt. Nach anfänglichem Misstrauen lässt sich Michaela auf ein langes Gespräch mit dem jungen Priester Martin Borchert ein. Anschließend geht es Michaela besser, sie fühlt sich leicht und beschwingt.

Doch als sie die Weihnachtsferien bei den Eltern verbringt, verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand erneut. Zunächst kommt es zu einem offenen Streit mit der Mutter, dann erlebt Michaela einen schlimmen Anfall. Die Eltern wissen sich keinen anderen Rat, der zunehmend aggressiven Tochter zu helfen, als die Priester zu verständigen. Nach Gesprächen im Familienkreis und einem gemeinsamen Gebet stimmt Michaela schließlich einem Exorzismus zu.
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Eure Kritiken zu Requiem

  1. PeterPan

    Hans Christian Schmid präsentiert einen neuen deutschen Schauspiel-Star. Nachdem er mit „Nach Fünf im Urwald“ Franka Potente und mit „23“ schon August Diehl zum Star gemacht hat, lässt der Schauspiel-Regisseur nun Sandra Hüller auf die/der Leinwand los. Prompt bekam Sandra Hüller für ohre beeindruckende Leistung einen Bären auf der Berlinale. Zu Recht! Ihr Spiel geht unter die Haut, unbedingt ansehen!

  2. Detlef74

    Ein toller, schauspielerisch sehr sehenswerter Film. Teilweise auch ganz schoen krass. Vor allem schoenes Zeitdokument. Lohnt sich!

  3. Colonia

    Passion, Martyrium und SühneleidenEin Spiegel-Artikel vor rund 10 Jahren über Wallfahrten zum Grab von Anneliese Michel war Inspiration zu „Requiem“ und Anlass für Regisseur/Produzent Schmid und Drehbuchautor Lange, sich sehr intensiv mit der Vorgeschichte zu befassen.

    Nun kann man die Geschichte der Anneliese Michel im Internet und in Verbindung mit „Requiem“ ganz gut nachlesen, daher beschränke ich mich auf den Film.

    „Requiem“ ist kein Hollywood-Hochglanzkino und kein blutiger Exorzismus-Schocker wie „Emily Rose „, der den gleichen Fall zur sehr frei verwendeten Vorlage hatte. Er ist verstörend realistisch und unglaublich dicht. Den 70-er-Jahre Muff und Mief des erzkatholischen Umfeldes von Anneliese, die im Film Michaela Klingler heißt, kann man förmlich riechen, die Enge im Elternhaus ist körperlich spürbar, Zwänge sind allgegenwärtig.

    Hans-Christian Schmid war mit seinen Filmen schon oft nah dran am inneren wie äußeren Geschehen. Mit der gerne eingesetzten Handkamera in „Requiem“ ist er allerdings so nah wie nie zuvor. Er kann sich hier auf ein ausnahmslos sehr gutes Ensemble verlassen. Was „Requiem“ aber zu einem ganz besonderen Erlebnis macht, ist Schmids Entdeckung, die Schauspielerin Sandra Hüller vom Theater Basel. So ein intensives Spiel hat man lange nicht auf der Leinwand gesehen.

    Beim Publikumsgespräch mit Hans-Christian Schmid in einem Kölner Kino wurde nicht nur äußerst lebhaft diskutiert und nachgehakt, es kam auch die Frage auf, ob Schmid seine Hauptfigur ernst nimmt. Ich denke, das tut er. Und er tut es, ohne über sie zu urteilen.

    Wenn er Sandra Hüller in oft improvisierten Szenen Michaelas Anfälle „spielen“ lässt, dann ist das verstörend und beklemmend für den Zuschauer. Ähnlich wie Michaelas Freund steht man hilflos daneben und wird mit dem abrupten Schluss gänzlich allein gelassen. Dennoch ist es das perfekte Ende für den Film. Für das, was nach der letzten Blende passiert, gibt es einfach keine zumutbaren Bilder mehr.

    Am 1. Juli jährt sich der Todestag von Anneliese Michel zum 30. Mal. Erstaunlich und für uns Kinogänger positiv, dass, während „Kannibale“ Armin Meiwes den Film „Rothenburg“ vorerst stoppen lassen konnte, weil er seine Persönlichkeitsrechte verletzt sah, sich die Familie Michel seit Jahrzehnten völlig bedeckt hält.

  4. Yasmin

    Ein sehr beeindruckender Film. Der wirkt auch auf dem Nachhauseweg noch nach. Tolle schausp. Leistung aller Beteiligter. Klasse!

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