KRITIK

Reine Geschmacksache

Reine Geschmacksache „Ich habe ein gutes Gefühl“ bemerkt Edgar Selge überzeugend gewieft als „Sparkassenlümmel“ zu Heiner Lauterbach 1997 in ROSSINI, einem der besten deutschen Filme der vergangenen Jahrzehnte. Ein weiterer Höhepunkt in Selges Karriere war die des einarmigen Kommissars im Polizeiruf 110, wobei die von Dominik Graf inszenierten Folgen Klassiker sind. Dass Herr Selge ein guter Schauspieler ist, muss er seinem Publikum nicht mehr beweisen.

Das aktuelle deutsche Kino bietet leider nicht viele gute Rollen an, die einen Schauspieler zum „Star“ machen (würden). So erscheinen viele 90-Minüter, die hierzulande produziert werden als vielmehr bessere Fernsehspiele, die wir allerdings wegen der programmierten „Pilcherei“ (ZDF) oder dem Übermaß an „Süßstoff“ im Ersten erst weit nach 20:15 Uhr angeboten bekommen. Eine traurige Tatsache und bittere Pille, die der überforderte Gebührenzahler schlucken muss, obwohl er einen „Anspruch“ darauf hätte, um 20:15 Uhr mit anständiger (Unterhaltungs-)Ware (grund)versorgt zu werden.

Ein Beispiel für diese traurige Tatsache ist der von den Fernsehanstalten geförderte Kinofilm REINE GESCHMACKSACHE. Hinter der Tatsache Kinofilm muss allerdings ein Fragezeichen gesetzt werden, weil dieser (Kino)Film so ausschaut und umgesetzt ist wie ein gutes TV-Movie heutzutage sein sollte. Diese These sollte natürlich belegt werden. Warum handelt es sich hier „nur“ um ein TV-Movie? An Edgar Selge liegt es nicht. Er spielt den Textilvertreter Wolfi Zenker so solide, wie wir das aus anderen Rollen von ihm kennen. Nicht besser zwar, aber auch nicht schlechter. Nebenbei erfährt der Zuschauer viel über das Geschäft des Textilvertreters und dessen Tücken in der Gegenwart. Die Geschichte jedoch ist eher pomadig. Sohnemann Karsten (Florian Bartholomäi) begleitet seinen Vater (Selge) auf einer Tour mit einer neuen Kollektion. Oder besser, er muss seinen Vater aufgrund eines Missgeschicks begleiten. Dabei lernt der Filius den ärgsten Konkurrenten des Vaters, Steven Brockmüller (Roman Knizka) kennen und auch lieben. Und ganz nebenbei darf auch die Mutter (Selges Ehefrau Franziska Walser) versuchen, den Vater-Sohn-Konflikt zu schlichten. Soweit, so vorhersehbar. Dass dabei den Drehbuchautoren um Autor und Regisseur Ingo Rasper nichts Besseres einfällt, als die Homosexuellen-Geschichte bis zur Lächerlichkeit auf die Spitze zu treiben, ist sehr bedauerlich. Hier hätte man sicherlich weit bessere Konstellationen durchspielen können. Beispielsweise darf Jessica Schwarz in einer Nebenrolle den Vater-Sohn-Konflikt so richtig schön vorführen. Diese viel versprechenden Ansätze werden aber nicht aufgenommen und schon gar nicht weiterentwickelt. Stattdessen handelt es sich hier um eine Version der „Schillerstraße in Baden-Würtemberg“. Dafür muss aber der Kinogänger keine Kinokarte lösen, das bekommt er jeden Abend im Kommerzfernsehen. Zudem nervt es gewaltig, dass mehr als oft Fahrzeuge aus Untertürkheim mit vollem Stern und Glanz durchs Bild fahren, als handele es sich hier um einen Dauerwerbespot für diese Fahrzeugmarke.

Fazit: Dieser Film wird sich nicht lange im Kino halten, weil er dort schlichtweg nicht hingehört. Im Ersten oder in den Dritten Programmen ist er besser aufgehoben, hier jedoch hoffentlich zu einer Zuschauerfreundlichen Sendezeit. Das interessierte Publikum weiß sehr wohl einzuschätzen, welche Filme ins Kino und welche ins Fernsehprogramm gehören. Das Produzenten und Redakteure dies jedoch nicht einschätzen können ist schon ein eklatanter Fall von Filmförderungsfehlsteuerung.



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INHALT

Der besserwisserische Haustyrann Wolfi Zenker hat sich gerade einen neuen Wagen geleistet und prompt den Führerschein verloren. Da sich der Job des Vertreters nicht ohne Auto machen lässt, muss der Filius einspringen und den sichtlich in seinem Selbstbewusstsein gekränkten Vater von Boutique zu Boutique chauffieren, andernfalls stehen die Hypothek und der neue Autokredit auf dem Spiel. Als wäre dies nicht genug, erlebt der Vertreter bei der Präsentation der neuen Kollektion einen bitteren Dämpfer, als sich der Juniorchef von der bisherigen Zielgruppe – „die elegante Frau ab 40, gerne auch mit Problemzonen“ – verabschiedet und stattdessen ein jüngeres, in modischen Dingen mutigeres Publikum anvisiert. Während Vater Zenker, der alle seine Kundinnen seit Jahren kennt, die Welt nicht mehr versteht, springt sein jung-dynamischer Kollege Brookmüller ein und bietet an, die jugendliche Kollektion mit dem blumigen Namen „Grazilla“ auch in Zenkers Gebiet zu vertreten.
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