KRITIK

Reich und die Herrlichkeit, Das

Reich und die Herrlichkeit, Das Regisseur Michal Winterbottom nimmt den Thomas Hardy Roman The Major of Casterbridge von 1886 zur Vorlage und versetzt die dortige Hauptfigur Henchard aus England ins Amerika der Goldgräber- und Eisenbahnzeit.
Zum zweiten Mal nach 1995 (orig.: Jude, dt.: Herzen in Aufruhr) verfilmt er einen Stoff des großen britischen Romanciers des ausgehenden 19. Jahrhunderts. In dieser Verfilmung greift er auf hervorragende Schauspieler mit Erfahrung in Hardy-Verfilmungen wie Nastasija Kinski (1979 in Roman Polanskis Tess) zurück und auf solche ohne jede Hardy-Vorbildung, wie Peter Mullan, der 1998 in Cannes die Goldene Palme als bester Darsteller bekam. Beiden nimmt man die Beklemmung ab, mit der beispielsweise jener Brautverkauf die Beziehung, aber auch die Persönlichkeiten belastet. Ihre spätere offizielle Heirat lässt sie jedoch kaum einander näher kommen.
Es liegt vor allem an der distanzierenden Handschrift des Briten Winterbottom, dass sein Film nicht zur bloßen Schnulze verkommt. Denn das ist er ebenso wenig wie ein herkömmlicher Western, auch wenn er mit den üblichen Figuren dieses Genres und sogar mit genretypischen Schusswechseln aufwartet. Ganz anders allerdings die Musik von Michael Nyman. Sie spielt mit den Themen des Westerngenres, manchmal fast bis ins Kitschige übersteigert. Man kann den Film als eine Art Liebesreigen dreier Paare sehen, bei dem ein Paar heiratet, ein anderes sich zum Ende dem Tod – und ein drittes einer offenen Zukunft entgegengeht. Vielmehr jedoch beleuchtet Winterbottom das Thema Schuld und Sühne im persönlichen Miteinander und verknüpft dieses vor einer (fast) traditionellen Westernkulisse mit einem Blick auf den Aufstieg und den Fall eines mächtigen Herrschers.
Vor einer verschneiten Landschaft, die gleichzeitig eine herbe Schönheit aber auch eine Lebensfeindlichkeit impliziert, findet der Regisseur ansprechende Bilder, die sowohl als Metaphern für die Gegenwart, als auch als Filmzitate gelesen werden können. So erinnert z.B. das Holzhaus, das Dillon für seine Frau bauen und auf einen Hügel ziehen lässt nicht nur an das Schiff in Werner Herzogs Fitzcarraldo, sondern auch an die großen amerikanischen Wohnwagenhäuser, die nur per Schwerlasttransport bewegt werden können.
Als Gegensatz zur Schnee- und Gefühlskälte steht das Feuer: Explodierendes Nitroglycerin, das einen Wagen sprengt und ein Pferd mit Feuerzungen davon galoppieren lässt, ein Fest-Feuerwerk und eine (fast) menschenleer gewordene Holzstadt in lodernden Flammen. Unterstützt von den in warmen Farben gehaltenen Räumen des Bordells. Diese Behausung zeigt jedoch, wie zuvor der Sprengstoff, das Doppelgesicht der Zivilisierung der Wildnis. Und dass gerade die Bordellbesitzerin Lucia als Stadtgründerin (Lisboa!) zum Ende des Films auftritt, ist mehr als ein ironischer Seitenhieb. (Der englische Filmtitel verbindet überdies ebenso den formalen und den inhaltlichen Aspekt miteinander: the claim.)
In seiner Erzählweise, auch mit den nur langsam enthüllenden Rückblenden aus der Perspektive Dillons, nimmt der Film die Zuschauer an die Hand und lässt sie auf die differenziert agierenden Personen sehen. Winterbottom gelingt eine atmosphärisch dichte britisch-kanadische Adaption eines Hardy-Romans. Rainer Bach



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INHALT

Ein Wagentross fährt 1867 in die verschneite Holz- und Barackenstadt „Kingdom Come“ ein. Das Sagen hat hier der Mittvierziger Dillon. Neue Ankömmlinge sieht man zwar nicht gern, doch fast jeden Tag rollt ein neuer Wagen in die kleine Stadt. Genau wie heute:
Einem neuen Wagen entsteigen Huren für das örtliche Bordell, das von Dillon und seiner Lebensgefährtin Lucia geführt wird, aus dem anderen kommen die sterbenskranke Mutter Elena und ihre erwachsene Tochter Hope. Die schüchterne Hope wird von einem rauen Goldgräber auf Liebesdienste angesprochen, was sie jedoch energisch zurückweist. Als sich ein aufkeimender Streit in einem Handgemenge entlädt, greift Dalgish, ein Ingenieur der Bahngesellschaft, ein und rettet die junge Frau.
Mutter und Tochter steigen später im viktorianischen gebauten Holzhotel ab, sämtliche Bahnbedienstete um Ingenieur Dalgish im Puff. Hier möchte man vor allem durch gute Bewirtung und Bezirzung erreichen, dass die geplante Bahnlinie durch die kleine Holzstadt geführt wird. Man verspricht sich dadurch Wachstum und mehr Reichtum.
Elena hingegen hat ganz andere Ansprüche an die kleine Stadt und deren Bewohner. Sie fordert vom Herrscher der Stadt Wiedergutmachung für ein vor langer Zeit begangenes Unrecht. Als Hope ihm einen Rosenkranz überreicht, ahnt er, um wen es sich bei den beiden handelt: um seine Frau und seine Tochter, die er vor 20 Jahren gegen Gold und Schürfrechte an einen einsamen Goldsucher verkauft hatte. Sein ganzer Reichtum gründet auf dieser Tat. Doch nicht nur das.
Seit diesen Tagen quält ihn zunehmend sein Gewissen. Aus diesem Grund beschließt er seiner Frau und seiner Tochter mit allen Mitteln zu helfen. So trennt er sich auch von seiner Lebensgefährtin Lucia, die zudem ein Auge auf Dalgish geworfen hat. Dalgish ist, ohne sich andere Frauen grundsätzlich entgehen zu lassen, seinerseits an der schönen Hope interessiert. Das Schicksal der Stadt und das Schicksal Dillons wird dann jedoch durch zwei Momente in eine ganz andere Richtung gelenkt.
Bald nach einer groß gefeierten Heirat stirbt die Braut Elena und die geplante Bahn soll nach den Vermessungen des Ingenieurs nicht durch Kingdom Come, sondern durch einen neuen, noch zu bauenden Ort führen. Daraufhin verlassen die Menschen die Holzstadt wie die Ratten das sinkende Schiff.
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