KRITIK

Raum

Bild (c) Universal Pictures Germany 2016.

Bild (c) Universal Pictures Germany 2016.

Zu Beginn bleibt der Film rätselhaft: Was ist das für ein düsteres kleines Zimmer? Was macht die junge Frau darin, was ihr fünfjähriger Sohn? Warum ist die Tür verschlossen? Und warum muss der Junge im Wandschrank schlafen, wenn nachts dieser fremde Mann zur Mutter ins Bett steigt? Erst allmählich gelingt es, die Sache in ihrer Ungeheuerlichkeit zu durchblicken: Die junge Frau, inzwischen 24 und nur „Ma“ genannt, ist sieben Jahre zuvor gekidnappt und von ihrem Peiniger in einen Schuppen gesperrt worden, in den nur durch ein milchiges Dachfenster Licht eindringt. Der Junge, Jack, ist Resultat einer der zahllosen Vergewaltigungen, die Ma über sich hat ergehen lassen müssen: Er hat nie die Außenwelt gesehen.

Die Mutter versucht, ihn zwischen Kochecke und schäbiger Toilette so gut es geht zu erziehen, wobei sie ihm das Konzept eines „Außen“ konsequent verschweigt. Lieber lässt sie ihn denken, es gebe nur diesen Raum und die Dinge darin, die so singulär sind, dass sie keine Artikel brauchen: hallo Waschbecken, hallo Raum. So wird es nicht bleiben, und die zweite Hälfte des Films ist konventioneller als die erste Stunde, die als präzise verdichtetes Mutter-Kind-Kammerspiel ihresgleichen sucht. Aber auch dann, wenn es für den Jungen darum geht, mit einer Freiheit klarzukommen, von der er nie wusste, dass es sie gibt, gelingen Regisseur Lenny Abrahamson bemerkenswerte Szenen.

Szene_RaumDer gebürtige Ire aus Dublin, der in „Frank“ zuletzt Michael Fassbender als Musiker mit Pappkopf inszenierte, verzichtet in dieser Literaturverfilmung (Emma Dono­ghue schrieb das Drehbuch nach ihrem eigenen Roman) auf Kitsch und Sensationalismus, die das Thema durchaus hergäbe: Im deutschsprachigen Bereich denkt man etwa an die Fälle Josef Fritzl und Natascha Kampusch. „Raum“ aber ist weniger Thriller denn Charakterstudie und vor allem an genauer Beobachtung interessiert – dadurch erzielt der Film auch seine immense emotionale Wirkung.

Unterstützt wird das durch zwei atemberaubend gute Darsteller: Der kleine Jacob Tremblay vermittelt Jacks über den Haufen geworfene Weltsicht auf faszinierend unprätentiöse Weise, und Brie Larson hat für ihre „Ma“ kürzlich verdient den Oscar gewonnen: Wie sie inmitten ihrer absurden Kleinfamilien-Simulation immer wieder Momente abgrundtiefer Verzweiflung aufblitzen lässt, fesselt und bewegt. Herausragend. Nicht verpassen!

 

 

Kritikerspiegel Raum



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, triggerfish.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.



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